Kieler Erinnerungstag:

8. Juli 1881
Eröffnung der Kieler Pferdestraßenbahn

Seit 1985 gibt es sie nicht mehr, die Kieler Straßenbahn, die mehr als 100 Jahre im Kieler Nahverkehr eine bedeutende Rolle spielte.

Begonnen hatte alles mit einer Pferdestraßenbahn, die sich am 8. Juli 1881 mit einem „Hüh!“ vom Rondeel in Richtung Norden in Bewegung setzte.

Bisher war in dem noch kleinen Kiel der einfache Mann zu Fuß unterwegs oder fand eine Mitfahrgelegenheit bei den Fuhrleuten. Die Bauern hatten Pferd und Wagen, und die ganz feinen Leuten bemühten einen Portochaisenträger, der sie mit einer Sänfte durch die Stadt trug. Dann gab es noch die Pferdedroschken, die mit oder ohne Kutscher zu mieten waren. Mit ihnen unternahmen Kieler vor allem Fahrten zu den in der Nähe der Stadt gelegenen Ausflugszielen, wie z. B. zum Hotel Bellevue, zur Forstbaumschule oder zu Bruhn’s Gasthof in Gaarden.

Nachdem es in Kiel zeitweise einen Pferdeomnibus gab, wurden 1879/80 Verhandlungen über den Bau einer Pferdestraßenbahn geführt, denn Kiel war 1871 Reichskriegshafen geworden. Dies hatte ein Wachstum der Bevölkerungszahl zur Folge. Mehrere Interessenten legten der Stadt Pläne für eine Pferdebahn vor, aber die Besprechungen scheiterten, weil die Firmen eine lange Laufzeit für die Konzessionen verlangten, die die Stadt nicht zugestand. Kiel wollte wohl auch Zeit gewinnen, um die Erfahrungen anderer Städte einzuholen, denn Berlin hatte eine Pferdebahn schon seit 1865, Hamburg seit 1866. Dann wurde mit dem Bahnkhaus Erlanger & Söhne verhandelt, das sich schon im Eisenbahnbau engagiert hatte. Am 18. Dezember 1880 kam ein Vertrag zwischen dem Frankfurter Bankhaus und der Stadt Kiel über die Anlage einer Pferdebahn zustande. Das Unternehmen hatte innerhalb eines Jahres die Bahn fertig zu stellen, ihre Betriebsführung lag bei der am 30. April 1881 gegründeten „Kieler Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft“.

Die Straßenbahn zieht mit einer Pferdestärke durch Kiel

Die Kieler Pferdebahn hatte eine Spurweite von 110 Zentimeter. Das war ein ungewöhnliches Maß, was es nur noch in Lübeck und Braunschweig gab. Die normale Spur betrug 143,5 Zentimeter. In Kiel hatte man wohl Bedenken, dass die Straßenbahn auf einer Vollspur in den winkligen Straßen der Altstadt nicht um die Ecken kam.

Der Pferdebahnbetrieb startete am 8. Juli 1881 mit 13 geschlossenen und 1 offenen Wagen, 60 Pferden, 30 Bediensteten ( 11 Kutscher, 10 Schaffner, 1 Stallmeister, 5 Stallknechten, 1 Nachtwächter, 1 Inspektor , 1 Kontrolleur im Depot). Die klobigen Holzwagen wurden auf normaler Strecke von einem Pferd gezogen, bergauf musste jedoch ein zweites vorgespannt werden. Obwohl die Pferdestraßenbahn mit nur einer Pferdestärke durch die Stadt fuhr, war sie doch eine große technische Innovation. Im Vergleich zu einem Fuhrwerk kann ein Pferd auf auf einem in Schienen fahrenden Wagen das bis zu zehnfache Gewicht ziehen und dies mit größerer Geschwindigkeit. Die Bahn fuhr mit 8 bis 10 km/h. So brauchte sie etwa eine halbe Stunde für den „Cours A“, der 3234 m lang war. Diese Route führte vom neuen Pferdebahndepot am Rondeel über das Sophienblatt zum Bahnhof an der Klinke, durch die Vorstadt zum Wall, durch den Prinzengarten um das Schloss herum zur Dänischen Straße und dann über den Markt, durch die Holstenstraße, wieder am Bahnhof vorbei zum Rondeel zurück.

Schon am 7. August 1881 wurde der „Cours B“ auf der Strecke Fleethörn, Muhliusstraße, Brunswiker Straße, Schlossgarten eröffnet. Über die Bergstraße ging es mit den Pferden nicht, die war dafür viel zu steil. Zwar wurde 1889 eine Holzbrücke über den Kleinen Kiel für Fußgänger errichtet. Diese waren daher über die Brücke schneller am Ziel als die Pferdebahn von der Fleethörn zum Schlossgarten. Am 30. August fuhr die Bahn dann auf einer dritten Linie: Schlossgarten - Düsternbrooker Weg zur Seebadeanstalt, etwa in der Höher der heutigen Blücherbrücke.

Seit dem 14. September 1890 gelangte man mit der Pferdebahn durch die Holtenauer Straße bis zur Waitzstraße und ab November bis Meltz’ Biergarten, d. h. bis zur heutigen Gneisenaustraße. Die letzte Pferdebahnverlängerung wurde am 11. Dezember 1892 vom Rondeel zur Waldwiese eröffnet. Das gesamte Gleisnetz betrug jetzt 7,2 km.

Schaut man sich die Endpunkte der Bahn an, so fällt auf, dass es Ausflugslokale waren – Meltz’ Biergarten, Seebadeanstalt, Waldwiese. Die Bahn spielte also mehr im Freizeit- als im Berufsverkehr eine Rolle Diesen gab es auch noch nicht im heutigen Sinne. Der Fahrpreis von 10, 15 und 20 Pf. war für die arbeitende Bevölkerung außerdem sehr hoch. Zur Arbeit auf den Werften am Ostufer ging man zu Fuß oder fuhr mit der Fähre, denn dorthin gab es keine Pferdebahn.

„Linke Hand am linken Griff“

Die Zahl der Fahrgäste war daher geringer als ursprünglich erwartet. Im ersten Monat nach der Eröffnung fuhren täglich 700 Personen mit der Pferdebahn. Dann ließ die Neugierde nach. In guten Sommermonaten wurden täglich 250 Personen befördert, im Winter nur knapp 150.

Die Kieler Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft ergriff Sparmaßnahmen. 1882 wurden 13 der 59 Pferde verkauft. Dies waren speziell ausgebildete Schleswiger Kaltblüter, die ein mehrmonatiges Training durchlaufen hatten, bevor sie im Liniendienst eingesetzt wurden. Der anfallende Dung der verbleibenden Pferde wurde verkauft, gleichzeitig die Futtermenge reduziert, da die Pferde bei weniger Arbeit ja auch weniger Futter benötigten. Die Ausgaben für Hafer, Stroh und Heu entsprachen in etwa den Löhnen und Gehältern aller Beschäftigten der Gesellschaft. Um die Kräfte der Tiere zu schonen, die etwa täglich 20,7 km die Wagen durch die Stadt ziehen mussten und schnell dienstuntauglich wurden, wollte man ihnen das häufige Abbremsen und Anfahren ersparen. Daher durften die Fahrgäste während der Fahrt auf- und abspringen. Aber zu beachten war: „Linke Hand am linken Griff“. So stand es auf den Emailleschildern in den Straßenbahnwagen. Haltestellen gab es ohnehin nicht. Der Kutscher hielt, wo es nötig war. Auch wurde die Zahl der Fahrten reduziert und damit der Einsatz der Wagen.

Durch dieses sparsame Wirtschaften konnte die Kieler Straßen-Eisenbahn Gesellschaft Gewinne erzielen. Die Kieler aber waren wohl weniger zufrieden. 1881 hatte die tägliche Fahrgastzahl 1987 betragen, im Jahre 1887 nur noch 1894. Dennoch gab es auf den kleinen Wagen Gedränge. In einer Kieler Zeitung von 1896 erinnerte ein Leser daran: “daß es schon oft zu Aergerniß Anlaß gab. Trotzdem an den Rückseiten der Pferdebahnwagen die Aufnahme von nur fünf resp. sechs Personen statthaft ist, werden diese Plätze über Gebühr voll gepfropft. ...Das liebe Publikum läßt sich stoßen und quetschen. Es wird eben Jeder mitgenommen, so lange noch die Füße festzukriegen sind.“

Von 1890 an ging es aufwärts mit der Bahn. 1892 wurden erstmals über eine Millionen Fahrgäste jährlich gezählt.

Mit der „Elektrischen“ durch Kiel

Aber die Zeit der Pferdebahn ging ihrem Ende entgegen. Schon seit 1881, also in dem Jahr, in dem in Kiel die Pferdebahn eingeführt wurde, nahm in Berlin die erste elektrische Straßenbahn ihren Betrieb auf.

Kiel war seit 1871 die Stadt der Marine und der Werften geworden. Mit der wirtschaftlichen Belebung der Stadt ging ein rasches Bevölkerungswachstum einher. Hatte Kiel 1867 nur 24 216

Einwohner, so waren es 1885 schon 51 706 und 1900 doppelt so viel, nämlich 107 977. Kiel war Großstadt geworden und die alte Pferdestraßenbahn nun nicht mehr leistungsfähig genug. Ein effizientes Nahverkehrsmittel, die elektrische Straßenbahn, schien unentbehrlich geworden.

Im September 1894 übernahm die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) in Berlin durch einen Vertrag mit der Stadt Kiel die Verpflichtung, den elektrischen Betrieb für die von der Kieler Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft betriebenen Pferdebahn einzurichten. Am 12. Mai 1896 wurde die elektrische Straßenbahn unter gleichzeitiger Erweiterung des gesamten Netzes eröffnet. Anfangs beunruhigte die Kieler die „rasende Geschwindigkeit“ der Elektrischen mit 15 bis 30 km/h. Sie protestierten auch gegen das „kreischende Geräusch“ der Wagen in den Kurven und gegen die „Verkehrsgefährdung“.

Die alte Pferdebahn fuhr am 23. Mai 1896 zum letzten Mal, alle von den Pferden gezogenen Wagen wurden bis 1912 verschrottet. Die elektrische Straßenbahn war ein voller Erfolg. Im Stadtkern fuhr sie alle fünf Minuten und hatte 1896 schon 2 682 669 Fahrgäste, im Jahre 1906 dann über 8 Millionen. Ständig wurde das Streckennetz erweitert und auch das Ostufer angeschlossen. Die „geliebte, ungeliebte Kieler Straßenbahn“, begonnen als Pferdebahn, fuhr nach fast 104 Jahren, genauer nach 103 Jahren und 313 Tagen, am 4. Mai 1985 das letzte Mal durch Kiel. Das Zeitalter der Busse begann.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Bock, Bruno

Geliebte, ungeliebte Kieler Straßenbahn. Über 100 Jahre mit der Straßenbahn durch die Kieler Stadtgeschichte, Herford 1985

Bremen von, Erich

Kieler Verkehrsverhältnisse um die Jahrhundertwende, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 45, 1950

Gedamke, Jürgen

90 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Kiel. Jubiläum bei der Kieler Verkehrssaktiengesellschaft, Kiel 1971, Maschinenschrift, Stadtarchiv Kiel

Hackhe, Ulrich

Die Stadt Kiel, ihre Straßenbahn und ich. Aufzeichnungen und Erinnerungen an eine rollende Stadtmöblierung, Berlin 2004

Kieler Nachrichten

vom 11. Mai 1946, vom 14. September 1949, vom 12. Mai 1951, vom 13. Mai 1981, vom 4. Juli 1981, vom 6. Juli 1981, vom 27. April 1985, vom 31. August 1988, vom 19. Oktober 2002

Kieler Zeitung

vom 12. April 1944

Kleyser, Friedrich: Der Kampf um die Straßenbahn vor 40 Jahren. Ein Beitrag zur Kommunalgeschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 45, 1948

Kleyser, Friedrich

Kieler Pferdebahn, an den Leserdienst der Kieler Nachrichten, 15. Januar 1954, Maschinenschrift, Stadtarchiv Kiel

Kleyser, Friedrich

Zeittafel der Straßenbahnlinien in Kiel, Maschinenschrift, o. J., Stadtarchiv Kiel

Kreipe, Helmut (Hg.)

Biographie der Kieler Straßenbahn, Kiel 1985

Mausolf, Andreas

Die Straßenbahn in Kiel, Aachen 1990

Walther, Alfred

Die Entwicklung der Kieler Straßenbahn, Maschinenschrift, o. J., Stadtarchiv Kiel


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 8. Juli 1881 | Eröffnung der Kieler Pferdestraßenbahn und des Erscheinungsdatums 08. Juli 2006 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=58

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