Kieler Erinnerungstag:

11. November 1856
Gasbeleuchtung in den Kieler Straßen

Für uns ist es selbstverständlich, dass in Kiel bei Dunkelheit alle Straßen und Wege durch eine Vielzahl von Straßenlampen erleuchtet werden, teilweise so hell, dass mancher Autofahrer vergisst, seine Fahrzeugbeleuchtung einzuschalten. Zum Licht der Straßenlampen kommen die hell erleuchteten Schaufenster und eine vielfältige Leuchtreklame. Wir können uns kaum vorstellen, dass es bis vor ungefähr 250 Jahren keinerlei Straßenbeleuchtung gab, die Stadt abends und nachts völlig im Dunklen lag.

Dunkle Zeiten auf Kieler Straßen



Vor 1724 war es jedem Bürger selbst überlassen, wie er seinen Weg durch die Straßen der Stadt fand. Diese Straßen waren ungepflastert und mühsam zu begehen. Vorspringende Zäune, Kellertreppen, Kellerhälse, Trittsteine der Häuser, die bis zu 1,50 Meter in die Straße hineinragten, und Dung- und Abfallhaufen gefährdeten den nächtlichen Fußgänger. Bei Regen verwandelten sich die Wege in Morast mit Pfützen und Schlammlöchern. Jeder ehrbare Bürger, der das Licht nicht zu scheuen brauchte, hatte daher abends, wenn er außer Haus ging, seine eigene Öllaterne. Seit 1423 gab es die Bestimmung, dass die Bürger verpflichtet waren, eine brennende Laterne an ihr Haus zu hängen, wenn Hilferufe wegen eines Verbrechens ertönten. Auf diese Weise sollte die Ergreifung des Übeltäters erleichtert werden. Nur bei besonderen Anlässen, z. B. beim Eintreffen des Herzogpaares in Kiel, wurden an bestimmten Stellen der Stadt Kienfackeln angebracht oder Holz in großen eisernen Pfannen angezündet.

Verständlich, dass sich bei dieser abendlichen und nächtlichen Dunkelheit in den Straßen das Gewerbe der „Leuchtenjungen“ entwickelt hatte, die Einheimischen oder Fremden mit ihren Fackeln „heimleuchteten“. Nicht selten aber gefährdeten die Jungen mit ihren Fackeln die Sicherheit der Stadt, so dass 1723 die Benutzung der Pechfackeln in Kiel vollständig verboten wurde. Da die Leuchtenjungen sich nicht so schnell auf geschlossene Laternen umstellen konnten, herrschte wieder Dunkelheit und damit Unsicherheit und Angst vor Gefahren in den Kieler Straßen. Besonders unangenehm war es während des Umschlags, wenn viele Gäste in der Stadt waren, sich aber auch viele zweilichtige Gestalten herumtrieben. Die Kieler Zeitung von 1876 erwähnt: „Kutschen und Wagen fuhren aneinander und schlugen um. Diebe, Spitzbuben und dergleichen gottloses Gesindel fanden im Dunkeln die gewünschte Gelegenheit, ihre Bosheit auszuüben“.

Kiel war rückständig, gab es doch in anderen Städten schon eine Gassenbeleuchtung.

1724 – Öllaternen beleuchten die Hauptstraßen

1724 war es dann in Kiel soweit. Als erste Stadt in den Herzogtümern erhielt sie vom regierenden Herzog Karl Friedrich die Genehmingung, eine Gassenbeleuchtung einrichten zu dürfen. Die Anschaffung der 141 Rüböl- und Tranlaternen wurde durch freiwillige Spenden finanziert. Für die Unterhaltung der Laternen mit Tran, Öl und Dochten wurde eine Art Steuer erhoben, die das Laternen-Departement verwaltete. Die Hausbesitzer hatten eine geringe ständige Abgabe , das Laternengeld, zu leisten. Aber es gab noch viele zusätzliche Gelegenheiten, die Laternenkasse zu füllen: z. B. bei der Vermietung eines Zimmers, beim Hauskauf, bei einer Erbschaft, bei einer Heirat oder wenn ein Geselle seine Meisterprüfung ablegte.

Um die Kosten für die Beleuchtung gering zu halten, brannten die Laternen nur in den acht Wintermonaten, aber dann auch nur jeweils an 23 Tagen, da der Mond laut „Brennkalender“ an den übrigen Tagen für Helligkeit sorgte. Auf den häufig bewölkten Himmel in Norddeutschland wurde keine Rücksicht genommen. Zur Bedienung der Lampen wurden fünf Wächter und ein Aufseher eingestellt, später kümmerten sich Nachtwächter um die Laternen. Die Laternen standen vorwiegend in den Hauptstraßen der Altstadt, wo sie an den Häusern hingen oder auf Eichenpfählen angebracht waren.

Die Bewohner Kiels waren zunächst mit der neuen Beleuchtung sehr zufrieden, gab sie doch Sicherheit und Bequemlichkeit. Aber bald merkte man, dass hinter matten Scheiben die Flammen nur winzig waren, flackerten und qualmten und die Straßen nur in ein verschwommenes Halbdunkel tauchten statt sie hell zu erleuchten. Beschwerden der Bürger rissen nicht ab, besonders aus dem Kuhbergviertel und der Vorstadt, wo es am Anfang gar keine Laternen gab. Die Beleuchtung der Stadt war also immer noch spärlich, so dass Leuchtenjungen wieder ihr Geld verdienten, denn sie hatten sich inzwischen auf Stocklaternen umgestellt.

Bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Straßenbeleuchtung mehrmals verbessert und auch auf die Vorstadt ausgedehnt. Durch eine großzügige Stiftung des Hofgerichtsrates Schmidt konnte die Beleuchtung der Stadt erweitert werden. Er schenkte der Stadt Kiel insgesamt 33 moderne Öllaternen, weil er die bisherige Beleuchtung der Straßen für „weder ausreichend noch ins Auge fallend“ hielt. Aber die Beschwerden rissen trotzdem nicht ab. Am 12. September 1855 berichtete das „Correspondenzblatt und Kieler Wochenblatt“: „Wenn die Menschenmenge nach der Beendigung des Tivoli-Theaters zu Hause kehrt, so ist der schmale Fußsteig am Ende der Ulmenallee sehr schwierig zu passieren. Man stößt aufeinander, weil man sich nicht sehen kann, man hört ängstliche Ausrufungen, einige fallen den steilen Abhang seitwärts hinunter (ist kürzlich einer armen Waschfrau geschehen, die vom Badehause zurückkehrte, und im Fallen ihr Geld verlor).“

1856 – die Errichtung der Kieler Gas-Erleuchtungs-Anstalt

Während in Kiel noch die matten Öllampen brannten, trat schon das helle Gaslicht seinen Siegeszug an. In London hatte 1809 eine „Gaslicht- und Koaksgesellschaft“ die Beleuchtung der Stadt übernommen. In seinem Kolleg über Gasbeleuchtung lehrte 1819 der bekannte Kieler Nationalökonom Prof. Niemann, dem zu Ehren der Niemannsweg seinen Namen trägt, „dass die Gasbeleuchtung in London im Vergleich mit der gewöhnlichen Lampenbeleuchtung die Straßen in einer Weise erhellt, welche als glänzende Illumination beschrieben wird“.

Hannover und Berlin waren 1825 und 1826 die ersten deutschen Städte, die Gasanstalten bauten. Seit etwa 1835 setzten sich in Kiel fortschrittliche Bürger für diese Neuerung in ihrer Stadt ein. Die städtischen Kollegien und das Laternen-Departement überlegten, berieten, führten Verhandlungen und kauften dann doch wieder Öllampen.

1854 ergriff der Kieler Kaufmann und Stadtverordnete Wilhelm Ahlmann die Initiative und entwarf konkrete Pläne für den Bau einer Gasanstalt. In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt bereits in 87 Städten derartige Anstalten. Nun wurde in Kiel eine „Commission für die Gaserleuchtung“ eingesetzt und die Errichtung einer Gasanstalt auf städtische Kosten beschlossen. Der Bau begann 1855 auf dem Gelände des früheren Waschhofes an der Ecke Fleethörn und Gasstraße, heute Rathausstraße. An dieser Stelle befindet sich jetzt das Rathaus. Das Gelände lag damals am Rande der beiden bebauten Teile Kiels, zwischen der Altstadt und der Vorstadt mit dem Kuhberg. Das Correspondenzblatt berichtete am 29. Oktober 1855, dass die Bewohner der Umgebung „in keiner Weise zu befürchten“ hätten, „dass ihnen durch die Bereitung des Gases ein unangenehmer Geruch zugeführt werden wird“. Mit dem Bau der ersten Gasanstalt erfolgte das Verlegen der Rohrleitungen für die Beleuchtung der Stadt, denn in erster Linie war die Gasanstalt für die Gasbeleuchtung gebaut worden.

Die Gaslaternen brennen

Die „Commission für die Gaserleuchtung“ entwarf für die 320 Straßenlaternen einen genauen Verteilungsplan. Ihr Abstand betrug in den Hauptstraßen 110, in den Nebenstraßen 160 Fuß. Besondere Aufmerksamkeit schenkte man der Holstenbrücke. Die Firma Howaldt und Schweffel lieferte gusseiserne Lampenarme, und Kieler Schlosser schmiedeten Laternenstützen. Das Prachtstück der Gasbeleuchtung war ein fünfarmiger, kunstvoller Kandelaber, der auf einem hohen Steinsockel am Alten Markt stand. Die Lampe war ein Geschenk des Berliner Gießereibesitzers Wöhler, der aus Kiel stammte.

Am 11. November 1856 brannten in Kiel die neuen Gaslaternen zum ersten Mal. Am nächsten Tag stand im Correspondenzblatt: „Gestern brannte nun das Gaslicht in unseren Straßen zum ersten Male, und ungeachtet Regen und Sturm gaben diejenigen Laternen, die bereits den richtigen Brenner hatten, obgleich die Hähne nicht ganz offen gedreht waren, ein schönes Licht. ...Freuen wir uns ob der Helligkeit, die uns das Gaslicht brachte“.

Nun gab es statt der 140 Öllampen 320 Gaslaternen. Gleichzeitig stellten zahlreiche Bürger in der Nähe ihrer Häuser private Gaslaternen auf. Jede dieser neuen Lampen brachte es auf eine Leuchtstärke von zwölf Talglichtern gegenüber früheren fünf bis sechs der alten Öllampen. Die Stadtbeleuchtung hatte sich damit in ihrer Leuchtstärke vervierfacht. Allerdings hielt man an dem alten „Brennkalender“ fest, d. h. in den Sommermonaten und bei Mondschein gab es keine Straßenbeleuchtung. Das Reinigen, Anzünden und das Löschen der Laternen besorgten Tagelöhner und Nachtwächter.

1868 erhielt auch der benachbarte Flecken Brunswik, der ein Jahr später eingemeindet wurde, eine Gasbeleuchtung. Die Randbezirke Kiel mussten aber darauf verzichten wegen der hohen Kosten des Rohrnetzes. Am Düsternbrooker Weg, im Schlossgarten, im Niemanns-, Schwanen- und im Knooperweg und in der Kirchhofallee wurden Petroleumlampen aufgehängt, die 1875 noch jedes sechste Straßenlicht ausmachten. Nach dem ersten Weltkrieg waren sie aber aus dem Stadtbild verschwunden.

Die Einführung der Gasbeleuchtung schlug sich auch in Zeitungsanzeigen nieder. 1857 inserierte das Ballhaus: „Indem ich einem verehrlichen Publikum die ergebene Anzeige mache, dass mit der nächsten Woche in meinem Wirtschaftsgebäude und im Tanzsalon die Gasbeleuchtung anfängt, mache ich zugleich bekannt, dass vom 1. Oktober an, während der Beleuchtung des Lokals das Seidel Bayrisch Bier 7 Schillinge und in der übrigen Tageszeit 4 Schillinge kostet.“ Die Tonhalle verkündete am 18. März 1857: „Tanz-Musik zum ersten Male bei brillanter Gasbeleuchtung und im geschmückten Salon. Nur einem anständigen Publikum ist der Zutritt gestattet.“

Als Kiel seit 1871 Reichskriegshafen war, wuchs die Stadt rasant. Neue Gaswerke mussten gebaut werden. 1887 wurde das am Rondeel in Betrieb genommen, 1881 ein privates auf dem Gelände der Kaiserlichen Werft und 1898 eine Gasanstalt in der Wik in der Nähe der Kanalmündung. Der stetig wachsende Gasbedarf der Haushalte zum Kochen hatte vor allem den Bau der neuen Gaswerke notwendig gemacht.

Von der Gaslaterne zur elektrischen Straßenbeleuchtung

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Gaslaternen ständig verbessert und ihre Anzahl erhöht. 1909 brannten in den Straßen Kiels 4224 Gaslaternen, 100 Petroleumlampen und schon 97 elektrische Bogenlampen. Die ersten modernen, elektrischen Lampen hingen in der Hauptverkehrsstraße zwischen dem Bahnhof und dem Schlossgarten. Ihre Unterhaltung und die Stromkosten waren jedoch so hoch, dass sie nur an Sonn- und Feiertagen und vielleicht an Kaisers Geburtstag brannten.

Auch als die preiswerten Glühlampen auf den Markt kamen und Eingang in die Straßenbeleuchtung fanden, stieg bis zum Ersten Weltkrieg trotzdem die Zahl der Gaslaternen in Kiel auf 4275 mit 5300 Flammen an. Am Ende des Krieges 1917/18 musste aus Kohlemangel die Straßenbeleuchtung reduziert und 1919 für einige Zeit sogar eingestellt werden. 500 elektrische „Richtlaternen“ sorgten für eine Notbeleuchtung in den Straßen. Wie in alten Zeiten lag die Stadt abends und nachts in einem spärlichen Dämmerlicht. Am Anfang der 1920er Jahre wurde die Straßenbeleuchtung wieder in Gang gesetzt, auch die Gaslaternen. 1927 gab es nur noch 361, aber bereits 3282 Glühlampen zur Beleuchtung der Straßen. Nach 1936 verschwand die Gasbeleuchtung ganz aus dem Stadtbild.

Übrig geblieben ist aber ein alter Kandelaber. Er wurde nicht verschrottet und fiel auch nicht den Bomben im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Er stand am Ziegelteich/Walkerdamm, wurde 1968 abgebaut, renoviert und 1973 an der Ecke Dänische Straße/Falckstraße wieder aufgestellt. Dort ist das Prunkstück genauso ausgerichtet, wie es seine Stifter wünschten – Nord/Süd Ost/West.


Quellen

Akten des Stadtarchivs Kiel,

Nummer:

3819: Akten des Magistrats zu Kiel betr. der Einführung der Gasbeleuchtung in Kiel, die Errichtung der städtischen Gasanstalt und die Beschaffung der zur Deckung der Kosten erforderlichen Geldmittel 1854-1859

3928: betr. Anlegung, Unterhaltung und Bedienung der Straßenlaternen 1736-1867

5629: Akte betr. Nachtwächter 1879-1899

8728: Akte betreffend Polizeibeamte und Wächter 1882-1894

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Die Einführung des Gasstraßenbeleuchtung und der Bau der 1. Kieler Gasanstalt im Spiegel der Presse,

Stadtwerke Kiel, Maschinenschrift, o. J., Stadtarchiv Kiel

Jahresbericht der städtischen Gaswerke in Kiel

1856/57 – 1891/92

Jensen, Jürgen, Peter Wulf (Hg.)

Geschichte der Stadt Kiel, Neumünster 1991

Kieler Nachrichten

vom 12. November 1951, vom 10. November 1956, vom 3. November 1973, vom 23. November 1973

Kieler Zeitung

vom 16. Februar 1876, vom 22. Januar 1907

Licht im Dunkel der Geschichte,

in: Leichter Leben, Nr. 1/1998, S. 28f.

Plöger, Jürgen

Zur Geschichte der letzten städtischen Nachtwächter in der Kieler Polizei (1884-1898), in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 59, 1973

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 10. November 1956

Trautmann, Paul

Kiels Ratsverfassung und Ratswirtschaft vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis zum Beginn der Selbstverwaltung. Ein Beitrag zu deutschen Städtegeschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, 25. und 26. Heft, Kiel 1909

Voss, Otto

Hundert Jahre kommunale Versorgungswirtschaft, in: 100 Jahre Gas in Kiel. Aus der Geschichte der kommunalen Versorgungswirtschaft von 1856 bis 1956, hrsg. von den Stadtwerken Kiel (1956), S. 6ff.

Weymar, Dorothea

„Freuen wir uns ob der Helligkeit...“. Die Straßenbeleuchtung der Stadt Kiel im Wandel der Zeiten, in: a. a. O. S. 37 ff.

Weymar, Dorothea

Die Geschichte der Straßenbeleuchtung in Kiel, Examensarbeit, Kiel 1951, Maschinenschrift, Stadtarchiv Kiel



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 11. November 1856 | Gasbeleuchtung in den Kieler Straßen und des Erscheinungsdatums 11. November 2006 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=64

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