Kieler Erinnerungstag:

31. Juli 1857
Eröffnung der ersten Kieler Kunsthalle

Die heutige Kieler Kunsthalle am Düsternbrooker Weg hatte schon eine Vorgängerin: die Kunsthalle in der Dänischen Straße, die auf Initiative des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins entstanden war.

Schon 1842 war auf Anregung des Altertumsforschers Prof. Dr. Peter Wilhelm Forchhammer das Kieler Kunstmuseum in der ehemaligen Schlosskapelle eröffnet worden. Es zeigte neben einigen zeitgenössischen Bildhauerarbeiten eine Sammlung von Abgüssen antiker Skulpturen, die sich heute in der Antikensammlung der Kunsthalle befinden. Prof. Forchhammer war es auch, der sich neben anderen Professoren der Universität, Kaufleuten und weiteren kunstinteressierten Bürgern der Stadt an der Gründung des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins am 23. März 1843 beteiligt hatte.

Einen Kunstverein zu gründen, war damals kein ungewöhnliches Ereignis, denn in vielen deutschen Städten entstanden durch das wachsende Selbstbewusstsein der Bürger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts derartige Zusammenschlüsse.

Der Schleswig-Holsteinische Kunstverein hatte die Zielsetzung: „Kunstsinn und Kunstverständnis im Lande zu verbreiten, zu diesem Zweck größere und kleinere Ausstellungen zu veranstalten, Gemälde lebender Meister unter den Mitgliedern zu verlosen und gute Kupferstiche als Jahresgabe an dieselben zu verteilen“. Bis 1847 veranstaltete der Kunstverein regelmäßig größere Ausstellungen, die in Ermangelung eines eigenen Gebäudes in unterschiedlichen Räumen stattfanden, u. a. im neuen Schulhaus in der Dänischen Straße, im Haus des Glasermeisters Ibsen in der Kehdenstraße, in der Hamburger Landstraße, im Hotel „Stadt Hamburg“ in der Holstenstraße, in Zimmern des bürgerlichen Klublokals „Harmonie“. Die Zeit der Wanderschaft war für den Kunstverein nicht günstig. Einerseits sank die Zahl der Mitglieder, andererseits bereiteten die anwachsenden Kunstbestände Magazinschwierigkeiten. Schon 1847 hatte Forchhammer den Antrag auf Gründung einer Gemäldegalerie gestellt. Aber die politischen und kriegerischen Ereignisse während der schleswig-holsteinischen Erhebung ließen die Ausführung des Planes immer wieder stocken.


Ein Zollhaus wird Kunsthalle



Am 22. September 1855 wurde dann auf Betreiben des Universitäts-Kurators und des königlich-dänischen Ministeriums von der Generalversammlung des Kunstvereins der Beschluss gefasst, eine Gemäldegalerie zu gründen und die „erworbene Gemäldegalerie“ als „Annex der Universität und dadurch zu ewigen Zeiten als Eigentum des Landes“ zu bestimmen. Die Universität legte den Grundstock zur Gemäldegalerie, indem sie 1854 fünfzehn Gemälde dem Kunstverein schenkte und auch später die ihr vermachten Kunstwerke dem Verein überließ. Seine Mitglieder verzichteten zugunsten der neuen Kunsthalle auf die bisher jährlich durchgeführte Verlosung von angekauften Bildern. Außerdem beschloss man, aus den Mitgliedsbeiträgen des Vereins jährlich ein Bild für die Galerie zu erwerben.

Die königliche Hofkammer stellte kostenlos ein schmales Grundstück auf der Westseite des Schlossgeländes, an der Dänischen Straße unterhalb des Rantzausbaus, zur Verfügung. Sie bestimmte allerdings, „dass das fragliche Gebäude, sofern Solches verlangt werden sollte, jeder Zeit und ohne irgend einen Anspruch auf Entschädigung wiederum abzubrechen und der Bauplatz an die Verwaltung des Kieler Schlosses zurückzuliefern sei“. Am Wall, in der Höhe des heutigen Sartori-Speichers, erwarb der Kunstverein das zum Abbruch bestimmte Zoll- und Warenhaus, das auf das Gelände am Schloss umgesetzt werden und als Kunsthalle dienen sollte, denn der Verein hielt das Gebäude in Größe und Beschaffenheit mit wenigen Veränderungen für eine Galerie geeignet.

Nach mehreren Entwürfen entstand ein schmales, eingeschossiges Gebäude mit Satteldach in neoklassizistischer Form, das dem alten Zollhaus entsprach. Der Bau hatte einen antiken Portikus mit eingestellten Säulen. Rechts und links vom Eingang beherrschten die Fassade jeweils drei hohe, große Fenster. Im Inneren befand sich zu beiden Seiten des Vestibüls je ein Bildersaal, von dem der linke zusätzlich durch ein Oberlicht erhellt wurde. Außerdem gab es einen Packraum, ein Direktorenzimmer und eine Aufseherwohnung. Im Vergleich zu anderen Gemäldegalerien, etwa in Berlin oder München, war die Kieler Kunsthalle ein kleiner, bescheidener Bau mit geringen Ausmaßen. Die gesamte Länge betrug 34,46 m, die Breite 9,48 m und die Raumhöhe 5,20/3,75 m. Der zeitgenössischen Kritik nach wirkte die Kunsthalle aber „vornehm“, „freundlich“ und „würdig“.

Das Gebäude lag vier bis fünf Fuß über dem Niveau der Dänischen Straße auf einer Terrasse, auf der einige antike Skulpturen standen, u. a. Abgüsse von zwei großen, hockenden Molossischen Hunden. Man hatte sie an Stelle von zwei Kandelabern angeschafft, die 400 Kieler Damen zur Einweihung der Kunsthalle hatten stiften wollen. Prof. Karstens, der als Schriftführer des Kunstvereins im Auftrag der Damen nach Berlin zu einer Eisengießerei reiste, erklärte später gelassen: Er habe die Hunde „just wohlfeil durch befreundete Hand kriegen können, da habe er zugegriffen“.

Die Einweihung der Kunsthalle fand am 31. Juli 1857 statt. Um 12 Uhr hielt Prof. Forchhammer in der Aula der Universität einen Festvortrag. Danach zog die Festversammlung zur neuen Kunsthalle zur feierlichen Eröffnung des Hauses. Am Nachmittag kamen etwa 250 Personen zum Festessen mit Musik im Hotel Bellevue zusammen, und abends nahmen 650 Personen an Tanz und Feuerwerk in der Seebadeanstalt Düsternbrook teil.


Ein bescheidenes Dasein



Durch den Idealismus der Mitglieder des Kunstvereins und auch durch die Initiative der Professoren Forchhammer und Thaulow entwickelte sich die Gemäldegalerie durch Ankäufe, Stiftungen und Schenkungen stetig. Dennoch führte die Kunsthalle ein bescheidenes Dasein, was an den finanziellen Mitteln des Vereins lag und an der Trennung Schleswig-Holsteins 1864 vom dänischen Gesamtstaat, als der dänische König als großer Förderer entfiel. Die Kunsthalle war nur sporadisch geöffnet, wenn Ausstellungen gezeigt wurden, diese aber waren schwer zu beschaffen und dann auch nur für drei bis vier Wochen zu besichtigen. 1875 ging man dann zu regelmäßigen Sonntags-Ausstellungen über, die von einheimischen und auswärtigen Künstlern beschickt wurden und beim Publikum beliebt waren. Auch die eigene Galerie des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins hatte jeden Sonntag geöffnet. Man zeigte die eigene Sammlung, deren Schwerpunkt bei der damaligen Gegenwartskunst lag. 1882, als die Kunsthalle ihr 25. Jubliäum feierte, verfügte die Galerie über 150 Gemälde, 16 Aquarelle und 10 Skulpturen. Zwar hatte Kiel nur eine kleine Kunsthalle, die aber nicht unbedeutend war. In seinem Jahresbericht von 1879 weist der Kunstverein darauf hin: „dass die Kunsthalle ein Provinzial-Institut ist, welches seinen bildenden Einfluss weit über die Grenzen der Stadt Kiel erstreckt. Schon dass sie unserer studierenden Jugend die viel benutzte Gelegenheit bietet, ihre Ausbildung nach einer Seite hin zu erweitern, für welche an der Kieler Universität in früheren Jahren keine Mittel vorhanden waren, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das Land. Dazu kommt, dass angehenden Kunstjüngern bereitwillig gestattet wird, in der Kunsthalle Studien zu machen, und dass alle schleswig-holsteinischen Künstler immer auf’s Neue die Gelegenheit suchen, daselbst Arbeiten den Kunstfreunden in der engen Heimat vorzuführen...“


Prinz Heinrich lässt abreißen



Dann aber kam das Jahr 1887 und mit ihm der Rückschlag, der jede Weiterentwicklung der Gemäldegalerie hemmte und auch das bisher Erreichte im höchsten Maße gefährdete.

Schleswig-Holstein war 1867 preußisch geworden. Kaiser Wilhelm I. bestimmte 1886 das Kieler Schloss zur Residenz für seinen Enkel, den Prinzen Heinrich, der Großadmiral der deutschen Flotte wurde. In dem verwahrlosten Schloss waren daher Umbauten dringend erforderlich. Zunächst musste Forchhammer mit der Antikensammlung die Schlosskapelle räumen. Am 21. Juni 1886 wurde dem Kunstverein dann der Grund und Boden der Kunsthalle gekündigt und 1887 der Termin für den Abbruch des Gebäudes auf spätestens 1890 festgelegt. Allerdings unter der Voraussetzung, dass bis dahin ein Neubau oder eine andere geeignete Unterbringung der Kunstsammlung geschaffen sein sollte.

Am 6. Juni 1887 fand die letzte Kunstausstellung in der kleinen Kunsthalle in der Dänischen Straße statt. 1888 war das Gebäude nach nur 30 Jahren wieder verschwunden. Ein Teil der Bilder wurde im Thaulow-Museum untergebracht, die archäologische Sammlung über die Räume der Universität verteilt, manches dort auf dem Dachboden gelagert, denn eine neue Kunsthalle gab es noch nicht.

Der Kunstverein hatte sich sofort nach der Kündigung des Grundstücks, also schon seit 1886, mit Plänen für einen großen Neubau, nunmehr für ein „Kunstmuseum“ beschäftigt. Zähe Verhandlungen zwischen Universität, Kunstverein, Oberbaudirektion und preußischem Oberpräsidium, bei denen es vor allem um die Finanzierung ging, zogen sich hin, ohne dass etwas Entscheidendes geschah.


Lotte Hegewischs Vermächtnis: Die neue Kunsthalle am Düsternbrooker Weg



Dass der Neubau der Kunsthalle nicht schnell realisiert wurde, lag auch an dem Testament von Lotte Hegewisch, der Tochter des prominenten Professors für Medizin, Dr. Franz Hegewisch. Dieser hatte in der Düsternbrooker Allee, heute Düsternbrooker Weg, gegenüber der „Seeburg“ ein über 6000 Quadratmeter großes Grundstück erworben, das er „Klein-Elmeloo“ nannte, und dort ein Haus gebaut. Lotte Hegewisch vermachte am 10. Dezember 1887 Villa und Grundstück der Universität für den Bau eines Kunstmuseums mit der Bedingung, dass das Grundstück nicht veräußert und parzelliert werden dürfe, innerhalb von fünf Jahren nach ihrem Tod bebaut sein müsse und dass „vordem und nirgend anderswo ein Kunstgebäude errichtet werden dürfe“.

Mit diesem Testament war der Bau einer Kunsthalle auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein Provisorium musste geschaffen werden. Dies geschah 1888/89, in dem man ein hässliches

Fachwerkgebäude mit Holzverschalung in der Dänischen Straße 35 notdürftig herrichtete. Als Kunsthalle für die nächsten 20 Jahre war es ein unwürdiges Provisorium, das vom Publikum daher auch als „Kunstscheune“ bezeichnet wurde.

Lotte Hegewisch starb 1903. Noch zu ihren Lebzeiten wurde 1901 das erste Bauprojekt für die neue Kunsthalle vorgelegt. 1906/07 übernahm der Kieler Universitätsbaurat Georg Lohr die Pläne des Berliner Architekten Georg Thür. Der zweite Entwurf Lohrs wurde 1907 unterzeichnet, der Bau 1909 fertig gestellt und am 15. November des Jahres feierlich eröffnet.

In dem Gebäude waren die Ausstellungsräume für den Kunstverein und die Archäologische Sammlung und die Seminarräume für das Kunsthistorische und Archäologische Institut untergebracht. Die Kunsthalle war ein imposanter Bau mit einem großen Mansarddach, einem aufwändigen Portal mit Giebel und schildförmig vortretendem Eingangsvorbau. Zwei lebensgroße Wisente flankierten den Eingang.

Luftangriffe 1944 hinterließen die Kunsthalle als Ruine. In notdürftig hergerichteten Räumen fanden ab 1947 schon wieder Ausstellungen statt. Der Wiederaufbau der Kunsthalle in vereinfachter Form erfolgte 1955 bis 1958. Seit dieser Zeit spielt sie wieder eine bedeutende Rolle im Kulturleben Kiels und des Landes Schleswig-Holstein.


Christa Geckeler




Literatur



Das Jubiläum. Schleswig-Holsteinischer Kunstverein 1843-1993.

Eine Festschrift zum 150jährigen Jubliläum des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins, hrsg. von Hans-Werner Schmidt, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kunsthalle zu Kiel, 1993

Hegewisch, Lotte

Erinnerungen früherer Stunden für letzte Stunden, Kiel 1902

Jessen, H. B.

:Molossen, die eigentlich Kandelaber sein sollten, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 45, 1951, S. 14ff.

Jessen, H. B.

Von der alten Kieler Kunsthalle. Ein Nachtrag zu den „Molossen, die eigentlich Kandelaber sein sollten“, in: a.a. O. S. 28ff.

Kieler Nachrichten

vom 25. März 1968, vom 17. September 2005

Kunsthalle zu Kiel, Christian-Albrechts Universität

. Sammlungen und Baugeschichte 1854-1986, Hamburg 1986

Martius, Lilli

Charles Roß, Carl Rahl und die Kunsthalle in Kiel, in: Nordelbingen. Beiträge zur Heimatforschung in Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck, 12. Band, Heide 1936, S. 129ff.

Martius, Lilli

125 Jahre Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, 1843-1968, hrsg. vom Schleswig-Holsteinischen Kunstverein, Neumünster 1968

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 21. Juni 1958

Tintelnot, Hans

Die Kunsthalle zu Kiel. Zur Geschichte des Museumsbaues, in: Nordelbingen. Beiträge zur Heimatforschung in Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck, 28./29. Band, Heide 1960, S. 223ff.

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Neumünster 1995, S. 262

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