Kieler Erinnerungstag:

14. Mai 1909
Grundsteinlegung des Studentenheims Seeburg

Das bekannte Gebäude der Seeburg am Düsternbrooker Weg liegt heute am Beginn der Kieler Fördepromenade. Am 14. Mai 1909 legte der amtierende Rektor der Universität in einer Feier den Grundstein für diesen Bau, der ein Erholungsheim für Studenten und Professoren werden sollte.

Das Vermächtnis des Kaufmanns Theodor Wille

Ermöglicht wurde dieses Projekt durch den Kieler Großkaufmann Theodor Wille, der am 9. Januar 1892 verstarb. Er hinterließ „der Stadt ein Vermächtnis von 2 Millionen Mark mit der Bestimmung, daß die Zinsen für Schulzwecke zunächst in Kiel selbst und dann auch für die Universität verwendet werden sollten“. Da im Testament jedoch nicht festgelegt worden war, zu welchen Teilen Stadt und Universität am Vermächtnis Willes beteiligt werden sollten, mussten juristische Verhandlungen geführt werden. Am 16. Dezember 1898 entschied das Kieler Oberlandesgericht, dass die Stadt ab 1. April 1895 der Universität jährlich 10 000 Mark zur freien Verfügung aus der Wille-Stiftung zu zahlen habe.

Ein Studentenhaus „für geistige Erholung und Pflege der Leibesübungen“

Konsistoriumsmitglieder der Universität und die Wille-Kommission, der der Rektor und einige Professoren der Universität angehörten, bekundeten 1899, die Mittel „für Zwecke zu verwenden, welche der Gesamtheit zugute kommen, und zwar in erster Linie zur Errichtung eines Gebäudes mit einem Studentenkasino, einer Lesehalle, nebst Sitzungszimmer für wissenschaftliche Vereine und eventuell unter Anschluß von Turn- und Fechthalle“. Im Dezember 1899 richtete die Universität an das preußische Kultusministerium die Bitte: „bei Seiner Majestät dem Kaiser und König die Erlaubnis zu erwirken, daß die aus dem Wille’schen Legat fließenden Mittel verwendet würden zur Gründung und Unterhaltung eines Insituts, welches bestimmt ist, der Studentenschaft einen Mittelpunkt für geistige Erholung und Pflege der Leibesübungen zu bieten“.

Die Antwort aus Berlin ließ auf sich warten. Erst im August 1906 wurde die „Allerhöchste Genehmigung zu dem Projekt des Studentenhauses“ erteilt. Ursprünglich sollte das Gebäude zwischen Feldstraße und Niemannsweg entstehen. Aber die Universität hatte inzwischen eine weitere Stiftung bekommen. Sie enthielt die Bedingung, dass das „Wille-Haus“ an der Wasserseite in Düsternbrook mit einem Festsaal und Nebengebäuden errichtet wird, die auch dem Lehrkörper und dem Verwaltungspersonal der Universität zur Verfügung stehen. Geeignet schien das Grundstück Düsternbrooker Weg 2, das Seeburggundstück. Es lag in unmittelbarer Nähe der Universität am Schlossgarten und außerdem am Wasser, was für den studentischen Ruder- und Segelsport besonders günstig war. Die Stadt hatte das Grundstück erworben, um dort eine Stadthalle zu bauen, das Projekt dann aber für ungeeignet erachtet. So kam es zu Grundstücksverhandlungen mit der Universität, die mit Kaufvertrag vom 26. Oktober 1907 das Grundstück am Düsternbrooker Weg für 200 000 Mark erwarb.

Die Seeburg von Johann Adam Richter

Hier stand schon ein Haus, und zwar das älteste Wohngebäude am Düsternbrooker Weg, aus einer Zeit, als dieser noch ein einfacher Waldweg war, der in die Buchenhölzungen führte. Der königlich dänische Landesbaumeister Johann Adam Richter hatte 1767 den von der ehemaligen „Constabel-Wache“ bis zum Schwanenweg reichenden Uferstreifen erworben und das alte Wachhaus abbrechen lassen. Er errichtete das nach ihm zuerst „Richters Hof“ genannte Landhaus im Stil von Sonnin, dessen Schüler er gewesen war. Es war ein zweigeschossiger Backsteinbau mit Efeu umrankt. Durch seine Kompaktheit und die Lage am Wasser nannte es der Volksmund Seeburg.

1803 verkaufte Richter das Haus mit dem großen Garten an Graf Christian Rantzau, der Oberpräsident von Kiel und Kurator der Universität war. Auch nach seinem Tod im Jahre 1813 machte seine Frau, Gräfin Charlotte Rantzau, geb. Diede von Fürstenstein, die Seeburg weiterhin zu einem geistigen Treffpunkt Kiels.

Als die Universität 1907 das Grundstück erwarb, stand das alte Haus von Richter noch. Der Königliche Kreisbauinspektor Lohr, der es begutachtete, kam zu dem Ergebnis, dass sich das Haus „trotz seines Alters...abgesehen von den mangels ausreichender Isolierung feuchten Kellerwänden, in verhältnismäßig gutem baulichen Zustand“ befinde. Es könne also erhalten bleiben. Aber dann fand man den Hausschwamm in dem Gebäude, das deshalb 1907 abgerissen wurde.

Das Studentenheim Seeburg entsteht

Pläne für einen Neubau mussten ausgearbeitet werden. Den Auftrag bekam Professor Theodor Fischer aus Stuttgart, der einer der bedeutendsten Architekten zu jener Zeit war und schon für zwei Kieler Professoren Häuser entworfen hatte. Fischer behielt auch die künstlerische Oberleitung, während die Bauausführung beim Universitätsbauamt lag. Viele Schriftwechsel gingen zwischen Kiel und Stuttgart hin und her. Immer wieder mussten die Entwürfe aus Kostengründen geändert werden, bis man sich darauf einigte, Gebäudehöhe und -länge zu reduzieren und auf einen Teil der geplanten Terrassen zu verzichten.

Im März 1909 begannen die Erdarbeiten für das Studentenheim am Düsternbrooker Weg, am 14. Mai 1909 wurde der Grundstein gelegt. Der Rektor der Universität, Erich Schaeder, betonte in seiner Festansprache: „Wollen wir eine pflicht- und verantwortungsbewußte, arbeitsfrohe und arbeitstüchtige Studentenschaft, dann ist unerläßliche Voraussetzung dafür eine Stählung der körperlichen Energie. Mit ihr geht nun einmal die geistige Hand in Hand. Die Feinde dieses körperlichen Kraftmaßes sind für den deutschen Studenten die oben genannten übertriebenen Trinksitten und die sittliche Laxheit im engeren Sinne des Wortes – beide, wie jeder Kenner studentischen Lebens weiß, nur zu oft unmittelbar zusammenhängend. Eine Hafenstadt und Großstadt wie Kiel tritt in diesen Beziehungen mit einer Fülle von Versuchungen an den jungen Mann jeder Lebensstellung, speziell auch an den Studenten heran. Demgegenüber kann neben anderen Dingen, von denen an dieser Stelle nicht zu reden ist, ein angemessen betriebener Sport bewahrend, ausschließend und im rechten Sinne belebend eingreifen. [...] Und in dieser Richtung soll das Seeburg-Unternehmen wirken“.

Am 12. November 1910 wurde die Seeburg in Anwesenheit von Prinz Waldemar v. Preußen zugleich als Vertreter Sr. Kgl. Hoheit des Prinzen Heinrich v. Preußen vom Rektor der Kieler Universität, Prof. Dr. Götz Martius, feierlich eingeweiht. In seiner Festrede führte er aus: „Das Unternehmen, was hier verwirklicht ist, ist tatsächlich ein eigenartiges, ein neues. Nicht um ein beliebiges Heim für beliebige Bewohner, nicht um ein beliebiges Kasino für eine beliebige Gesellschaft, sondern um ein Heim, ein Haus, ein Kasino für Studierende handelt es sich. Und solche hat das Bedürfnis in Deutschland bisher nicht hervorgebracht“. Zwei ähnliche Projekte habe es in den Deutschland schon gegeben, in Charlottenburg und Königsberg. Erfolg sei diesen Studentenheimen jedoch nicht beschieden gewesen. Die Seeburg aber „möge eine Stätte der Erholung und Anregung für viele werden, möge es dem fortschreitenden Bewußtsein der inneren Zusammengehörigkeit der cives academici dienen, möge es eine Stätte friedlichen Gemeinschaftslebens der verschiedensten akademischen Kreise sein“.

Ein Haus mit vielseitiger Nutzung

Das alte Richtersche Haus gab dem Studentenheim seinen Namen Seeburg.

Das Backsteingebäude besteht wegen seiner Hanglage an der Straßenseite aus zwei, zur Wasserseite aus drei Geschossen. Die innere und äußere Erschließung befindet sich am Düsternbrooker Weg, während die Schauseite der Seeburg an der Förde liegt. Hier wurde die Fassade durch den neubarocken Mittelrisalit beherrscht, der den zweigeschossigen Festsaal aufnahm. Die Fassaden sind im übrigen nur durch eine Reihe schmaler Fenster im Hauptgeschoss und breitere Fenster im Obergeschoss gegliedert.

Im Erdgeschoss lagen die Lese- und Speisezimmer, letztere für Dozenten und Studenten getrennt. Die Kieler Universität hatte damit nach Marburg die zweitälteste Mensa in Deutschland. Im Obergeschoss befanden sich der Festsaal und Vereins-, Billard- und Musikzimmer. Das Dachgeschoss wurde für die Hausmeisterwohnung und Wirtschafts- und Personalräume genutzt. Durch die Hanglage des Gebäudes war zur Förde ein volles Untergeschoss entstanden, das den Wassersportlern als Umkleideräume und Bootshallen diente.

1913 entstand im westlichen Anschluss an das Hauptgebäude eine Doppelkegelbahn im Untergeschoss, darüber im Erdgeschoss eine Terrasse mit abschließendem Pavillon, dem „Kaiserzimmer“. 1929 wurde die Terrasse zu einer Glasveranda umgestaltet. Schon 1915 waren eine Fechthalle und erweiterte Bootsräume in der Seeburg hinzugekommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Seeburg bleibt erhalten

Als nach anfänglich geringen Beschädigungen ein Bombenangriff im Herbst 1944 die Seeburg fast vollständig zerstörte und die Universität nach dem Zweiten Weltkrieg vom Schlossgarten an die Olshausenstraße verlegt wurde, schien das Schicksal des Studentenheimes besiegelt. Doch schon im Jahre 1946 entschloss man sich, den Mensabetrieb notdürftig wieder aufzunehmen und die Seeburg wiederaufzubauen, allerdings in vereinfachter Form. Der neubarocke Mittelrisalit zur Förde wurde durch ein kastenförmiges Bauteil ersetzt, das hohe Mansarddach durch ein flaches Walmdach. Auf den Festsaal, der sich über zwei Geschosse erstreckte, wurde verzichtet. Durch das Einziehen einer Zwischendecke entstanden damals zusätzlich benötigte Räume. An das Ursprungshaus erinnert heute noch am ehesten die verglaste Veranda mit dem Kaiserzimmer.

Der Restaurationsbetrieb war von 11 Uhr bis 14 Uhr als Mensa für die Studenten, vor allem der medizinischen Fakultät und der Meereskunde, geöffnet. Außerhalb der Mensazeiten konnte die Kieler Bevölkerung in den modernen Räumen bei Kaffee, Bier oder Wein den Ausblick auf die Förde genießen. Auch die Vereine des studentischen Wassersports zogen wieder in die Seeburg ein.

Von Anfang 1994 bis Mai 1997 wurde die Seeburg für drei Jahre geschlossen und grundlegend renoviert, allerdings das alte, schöne Mansarddach wurde auch dieses Mal aus Kostengründen nicht wiederhergestellt.

Die Universität entwickelte ein neues, einnahmeorientiertes Nutzungskonzept. Hauptpächter der Seeburg ist das Studentenwerk Schleswig-Holstein, das über die „Seeburg GmbH“ Mensa und Restaurant betreibt. Ein privatwirtschaftliches Institut hat einige Räume des Hauses gemietet, im Dachgeschoss sind Appartements für ausländische Gastwissenschaftler eingerichtet. Das zur Förde zugewandte und umgebaute Untergeschoss steht weiterhin den akademischen Wassersportvereinen zur Verfügung. So ist die alte Tradition der Seeburg bis heute gewahrt.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Kaufmann, Gerhard

Das alte Kiel, Hamburg 1975, S. 40-42

Kieler Express

vom 3. Februar 1996

Kieler Nachrichten

vom 31. Januar 1996, vom 19. März 1997, vom 29. April 1997

Kieler Umschau

Nr. 14/1955

Kieler Zeitung

vom 26. August 1930

Kienle, Renate

Das Studentenhaus Seeburg der Universität zu Kiel von Theodor Fischer, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 77, 1991, S. 26-40

Martius, Götz

Die Seeburg. Rede zur Einweihungsfeier des Studenten- und Professorenhauses Seeburg am 12. November 1910, Kiel 1910

Mehlhorn, Dieter-J.

Architekturführer Kiel, Berlin 1997, S. 73

Niemeyer, Theodor

Erinnerungen und Betrachtungen aus drei Menschenaltern. Aus dem Nachlass hrsg. von seiner Tochter Dr. Annemarie Niemeyer, Kiel 1963, S. 145-147

Schaeder, Erich

Ansprache zur Feier der Grundsteinlegung für das Studentenhaus Seeburg am 14. Mai 1909, Modernes Studententum, Kiel 1909

Wilde, Lutz

(bearbeitet): Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 16, S. 34 f., S. 262 f.


Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 14. Mai 1909 | Grundsteinlegung des Studentenheims Seeburg und des Erscheinungsdatums 14. Mai 2009 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=101

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