Kieler Erinnerungstag:

5. Juli 1900
Einweihung des Friedhofs Eichhof

Am 5. Juli 1900 weihte der bekannte Kieler Propst Becker den Friedhof Eichhof ein. An der ersten Beerdigung nahmen Vertreter des Magistrats, u. a. Oberbürgermeister Paul Fuß, Vertreter der Stadtverordnetenkollegien, des Kirchvorstandes, der Kirchenkollegien und zahlreiche Kieler Bürger teil. Die Stadt hatte endlich den dringend benötigten neuen Friedhof.


Von den alten Kieler Friedhöfen



Die vorhandenen Kieler Kirchöfe reichten um 1900 nicht mehr aus.

Der ursprüngliche Friedhof war der an der Nikolaikirche. Wohlhabende Bürger, dann auch Adlige und Beamte hatten einen Begräbnisplatz innerhalb des Gotteshauses oder in Grabgewölben, die von außen an die Kirche angebaut waren. Ärmere wurden auf dem Friedhof um die Kirche herum beerdigt. Gegen Ende des Mittelalters fanden Bestattungen auch auf dem Klosterkirchhof statt.

Der St. Jürgen-Friedhof am Sophienblatt bei der St. Jürgenkapelle und dem St. Jürgen-Hospital weit außerhalb der Stadt, dort, wo sich heute neben dem Bahnhof ein Parkplatz befindet, diente den Aussätzigen als letzte Ruhestätte, später den ärmeren Bevölkerungskreisen, Selbstmördern und Hingerichteten.

Kloster- und Nikolaikirchof waren bald besetzt. Die Anlage eines neuen Friedhofs innerhalb der Stadt unterblieb aus Raummangel und aus gesundheitlichen Gründen. Moderne hygienische Einsichten führten zu der Forderung, die Toten nicht länger in und um die Kirchen in der Stadt beizusetzen. 1793 kauften die Kirchenvorstände der Nikolai- und der Heiligengeistkirche den St. Jürgen-Friedhof, der als „Neuer Friedhof“ bezeichnet wurde und schon 1836 nach Süden erweitert werden musste.

Die Zunahme der Kieler Bevölkerungszahl nach 1867 machte einen weiteren Kirchhof notwendig. Am Hasseer Weg, heute Kirchhofallee, wurde 1869 der „Neue Kirchhof“, so hieß der Südfriedhof in den ersten drei Jahrzehnten, eingeweiht. Doch bald reichten die vorhandenen Begräbnisplätze erneut nicht mehr aus, obwohl 1878 der als Garnisonsfriedhof eingeweihte Nordfriedhof und 1879 der jüdische Friedhof in der Michelsenstraße angelegt worden waren. Der St. Jürgen-Friedhof war fast belegt und musste 1909 geschlossen werden. Auf dem Südfriedhof hatte die Zahl der Beisetzungen 1895-96 eine so große Steigerung erfahren, dass sich der Friedhofsausschuss der Kirchengemeinde Kiel veranlasst sah, sich nach einer neuen Begräbnisstätte umzusehen.


Der Parkfriedhof Eichhof entsteht



Man richtete den Blick auf ein Gelände, das weit außerhalb der städtischen Bebauung im Amt Kronshagen lag. 1896 kaufte die Kirche vom Erbpächter Carl Mordhorst für 170.000 Mark die an der Eckernförder Chaussee gelegene 37 ha große Hofstelle „Eichhof“ mit Weidenflächen und einer unrentablen Ziegelei.

Nach Plänen des Kölner Gartenarchitekten Egon Petzke wurde der Friedhof seit 1898 gestaltet. Er konzipierte einen Landschaftspark nach dem Vorbild des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg. „Sein Plan brach mit der traditionellen, streng symmetrischen Struktur kirchlicher Begräbnisstätten in Schleswig-Holstein“ (Andreas Kautzsch, Friedhofsverwalter 1962-1997). Der erste Bauabschnitt umfasste 17 ha, während 20 ha zunächst als Weideland verpachtet wurden. Die letzte Erweiterung des Geländes erfolgte 1938/39. Die gesamte Anlage wird durch eine breite S-förmige Allee von ca. einem Kilometer Länge erschlossen, die von dem Haupteingang an der Eichhofstraße bis zur Kopperpahler Allee in Kronshagen verläuft. Seitenwege erschließen die einzelnen Grabfelder. Im Dezember 1900 wurde die neugotische Kapelle eingeweiht, in der die damals kirchenlosen Kronshagener 1939 bis 1961 auch ihre Gottesdienste abhielten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kapelle durch Bomben schwer beschädigt. Sie wurde aber wieder aufgebaut, allerdings ohne ihre ehemalige charakteristische hohe Turmspitze.

Der erste Friedhofsverwalter war von 1900 bis 1931 Peter Julius Emil Feldmann, dem es zu verdanken ist, dass der Eichhof heute zu einem der bekanntesten und schönsten Baumparks weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins gehört. Über 430 verschiedene Gehölzarten sind auf dem Friedhof zu finden. Die ältesten Bäume sind die über 300 Jahre alten Stieleichen, die schon hier standen, als der Eichhof noch Weideland eines Gutshofes war. Neben heimischen Bäumen wie Ahorn, Buche, Esche und Eibe sind auf dem Parkfriedhof auch Exoten vertreten wie die Fuchsschwanzkiefer, der chinesische Gelbholzbaum oder die zierlichen Katsurabäume aus Japan. Hinzu kommen noch viele Arten von Wildkräutern und Pilzen, von denen einige auf der Roten Liste der Bundesrepublik oder Schleswig-Holsteins stehen. Der Eichhof ist auch Brutgebiet seltener Vögel. Insgesamt lädt der Parkfriedhof, der größte Friedhof Schleswig-Holsteins, mit seinen schönen Wegen und Grünanlagen zu erholsamen und interessanten Spaziergängen ein.


Friedhöfe - Spiegel der Geschichte



Ein Friedhof ist aber vor allem ein Ort der Trauer und des Gedenkens. Der Eichof ist zugleich auch eine Stätte, in der sich Ereignisse der Stadt- und Landesgeschichte widerspiegeln. Gräber und Gedenksteine erinnern an bedeutende Persönlichkeiten, die in Kiel gewirkt haben, und an historische Ereignisse und deren Opfer.

Ein Abbild der bürgerlichen Gesellschaft und gleichzeitig ihre Selbstdarstellung sind ummauerte Grabmonumente. Die Grabkapelle der Familie Martius zählt zu den herausragenden Bau- und Kunstdenkmäler auf dem Eichhof und in Schleswig-Holstein. Martius ließ das Mausoleum 1916/17 für seine im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne errichten. Im Inneren steht auf einer griechischen Säule die Urne von Lilli Martius (gestorben 1976), die als Kustodin der Kunsthalle maßgeblich an der Evakuierung deren Kunstwerke im Zweiten Weltkrieg und danach an ihrer Rückführung beteiligt war.

Von Bedeutung ist die 1902 entstandene neuromanische Kapelle der Familie Milberg, Gutsbesitzer auf Quarnbek und Hof Hammer. An den berühmten Mediziner Professor Friedrich von Esmarch erinnert eine Kapelle in traditioneller Backsteinbauweise. Ebenfalls ein Prachtstück des Friedhofs ist das 1912 im neoklassizistischen Stil erbaute Grabmal der Likörfabrikanten-Familie Lehment.

Weitere Gräber bekannter Kieler Persönlichkeiten auf dem Eichhof sind u. a. die von Erich Burck (Altphilologe, 1901-1994), von Rudolf Hell (Erfinder, 1901-2002), von Paul Husfeldt ( Theologe und Politiker, 1909-1972), von Georg von Rauch (Historiker 1904-1991), von Gerhard Stoltenberg (Politiker 1928-2001) und von Ferdinand Tönnies (Soziologe, Nationalökonom, Philosoph, 1855-1936).


Traditionsstätte St. Jürgen-Friedhof



Die ältesten Grabmale auf dem Parkfriedhof stammen vom St. Jürgen-Friedhof, der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde. Die meisten Gräber und Grabmale waren zerstört, über umgeworfenen Steinen und Kreuzen wucherten Gras und Gestrüpp. 1954 wurde der Friedhof eingeebnet und das Gelände für die Verbreiterung des Sophienblattes und den Parkplatz am Bahnhof genutzt. Die Überreste der Toten bettete man auf den Eichhof um. Vor der Kapelle unter dem Rasen befindet sich die Sammelruhestätte. Ebenso erhielten 64 Grabmale und Grabplatten, die unter Denkmalschutz stehen, dort einen neuen Platz. Im Juni 1955 wurde die neue Sammelruhestätte in einer Feierstunde als „Traditionsstätte“ des früheren St. Jürgen-Friedhofs eingeweiht. Grabsteine und -denkmäler zeigen, dass auf dem St. Jürgen-Friedhof bedeutende Persönlichkeiten beerdigt waren, z. B. Franz Hegewisch (Arzt, Liberaler, 1783-1865), Uwe Jens Lornsen (Jurist, schleswig-holsteinischer Patriot, 1793-1838), Carl Loewe (Komponist, 1796-1869). Nur Loewes Grabmal befindet sich auf dem Eichhof, sein Grab wurde in der Pommernkapelle der Nikolaikirche wiedererrichtet.

Die exhumierten Gebeine des dänischen Dichters Jens Baggensen (1764-1826) und seines Freundes, des Philosophen Karl Leonard Reinhold (1758-1823), wurden feierlich in der Kieler Woche 1955 auf dem Kapellenvorplatz des Eichhofes beigesetzt. Beide Freunde haben ein gemeinsames Grabmal.


Gedenken an Opfer von Kriegen, Revolution und Gewaltherrschaft



Neben den individuellen Grabstätten finden wir auf dem Eichhof auch kollektive Erinnerungsstätten.

Der Kapelle gegenüber wurde 1924 eine Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges eingerichtet. Im Mittelpunkt einer großen Rasenfläche, die von einer Buchenhecke umgeben ist, steht ein schlichter Granitstein mit eisernem Kreuz und der Aufschrift: „Den Gefallenen zum Gedächtnis 1914-1918“. Innerhalb der Gedenkstätte wurden 27 im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten bestattet, die auf Wunsch ihrer Angehörigen nach Kiel überführt wurden.

Im hinteren Teil des Friedhofs befindet sich die „Ruhestätte der Opfer der Revolution“. Diese Inschrift ist auf einen großen Feldstein eingemeißelt. An ihn schließen sich im Halbkreis 18 Namenssteine auf der rechten Seite und 23 auf der linken an. Auf den Grabsteinen sind Namen und Lebensdaten der Verstorbenen nur noch schwer zu entziffern. Die Inschrift auf dem Findling aber ist irreführend, denn nur fünf Tote sind der Novemberrevolution von 1918 zuzuordnen, als ein Protestmarsch der Matrosen und Arbeiter in Kiel von einem Zug der Torpedo-Division mit Waffengewalt aufgehalten wurde. Diese Schießerei war der Beginn der deutschen Revolution von 1918, die das Ende des Kaiserreiches bedeutete. Fünf Tote sind Opfer des Spartakusaufstandes, als es im Februar 1919 zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen linken und echten Kräften in Kiel kam. 31 Tote auf der Grabanlage sind 1920 beerdigt worden, als es während des Kapp-Putsches zwischen Arbeitern und Soldaten von Freikorpsabteilungen zu Schießereien kam. Professor Gustav Radbruch, SPD-Mitglied, Rechtsgelehrter in Kiel und dann Reichsjustizminister schrieb: „Am 24. März bestattete in gewaltigem Trauerzug die Kieler Arbeiterschaft ihre im März Gefallenen auf dem Friedhof Eichhof. Ich hielt ihnen für meine Partei die Grabrede. Es waren 25 Tote, 7 weitere wurden in Einzelgräbern bestattet.“

Im Südwesten des Friedhofs steht ein Denkmal für die Opfer des Bombenkrieges und der Gewaltherrschaft, das die Stadt Kiel pflegt. Die Inschrift lautet: „2835 Opfer des Bombenkrieges mahnen zum Frieden.“ Auf einer am Boden liegenden Platte davor heißt es: „Zum ehrenden Gedächtnis der Opfer der Gewaltherrschaft 1933-1945, die auf diesem Friedhof ruhen.“ Die deutschen und ausländischen Toten sind Opfer der zahlreichen Bombenangriffe auf Kiel, ausländische Zwangsarbeiter, auch Frauen und Kinder, Opfer des Arbeitserziehungslagers Nordmark, anderer Konzentrationslager und der NS-Justiz. In den 1950/60er Jahren wurden z. T. ausländische Tote umgebettet, entweder in ihre Heimat überführt oder auf andere Friedhöfe verlegt. Auf dem Ehrenfriedhof ruhen neben den deutschen Bombenopfern noch mindestens 570 namentlich bekannte und 130 unbekannte ausländische Tote. Die Gräber aller Opfer sind mit Kissensteinen aus Sandstein gekennzeichnet.

Westlich der Gedenkstätte erinnert ein Ehrenmal in kyrillischer Inschrift aus dem Jahre 1950 an 172 sowjetische Bürger, die in Kiel während der NS-Zeit starben. Im Südosten des Friedhofs steht ein Hochkreuz für diejenigen, die 1944/45 bei Flucht und Vertreibung starben.

Der Parkfriedhof Eichof stellt insgesamt ein kulturhistorisches Denkmal dar. Daher hat das Amt für Denkmalschutz den Friedhof 2003 unter Denkmalschutz gestellt. Seine Erhaltung liege wegen der besonderen gartenhistorischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und städtebaulichen Bedeutung im öffentlichen Interesse.


Parkpflege - eine finanzielle Last



Für den Kirchenkreis Kiel wird die Pflege des Friedhofs aber immer mehr zu einem finanziellen Problem.

1916 verlor die Kirche in Kiel ihr Beerdigungsmonopol, als die Stadt, angrenzend an den Eichhof, ein Krematorium baute. Gegenwärtig ist der Wunsch nach Erdbestattungen stark zurückgegangen, weil immer mehr Menschen ihre letzte Ruhe in einer Urne finden wollen, auch aus Kostengründen. Manche wünschen auch, dass ihre Urne anonym beigesetzt wird, weil sie keine Verwandten haben oder diese weit entfernt wohnen. Dass die reine Bestattungsfläche auf dem Parkriedhof auf etwa 12% geschrumpft ist, hängt auch damit zusammen, dass die Zahl der Todesfälle in Kiel gesunken ist und nur noch die Hälfte aller Verstorbenen auf kirchlichen Friedhöfen beerdigt wird. Die Kosten für die Parkpflege, die Gedenkstätten und die Kapelle müssen trotz sinkender Einnahmen aber vom Kirchenkreis aufgebracht werden. So klafft im Friedhofetat jährlich eine große Lücke.


Christa Geckeler




Literatur



Bigga, Regine, Eckhard Colmorgen, Uwe Danker, Irene Dittrich

Friedhof als Quelle historischen Arbeitens. Der Eichhof in Kiel/Kronshagen, in: Demokratische Geschichte, Jahrbuch zur Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein, Band VI, Kiel 1991, S. 259-318

Dopheide, Renate

Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Kiel und Umgebung, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 77, 1991-1994, S. 173 ff.

Grönhoff, Johann

Kieler Begräbnisplätze einst und jetzt, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 48, 1953-1957, S. 33-36

Larranguibel, Juan E. Condori

Der Friedhof Eichhof in Kiel. Ein Parkfriedhof des frühen 20. Jahrhunderts und seine Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Nordelbingen. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, Band 70, 2001, S. 155-177

Stolz, Gerd

Kleiner Führer über den Kieler Park-Friedhof Eichhof, Kiel 2000

Wilde, Lutz (bearb.): Denkmaltopographie. Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 29, Neumünster 1995, S. 336-341

Zeitungen

Kieler Express

vom 7. Juli 1990, vom 15. Juli 2000

Kieler Nachrichten

vom 1. Juli 1975, vom 12. August 1994, vom 11. September 1995, vom 3. Oktober 1997, vom 27. Juli 1999, vom 5. Juli 2000, vom 22. April 2003, vom 31. Juli 2004


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