Kieler Erinnerungstag:

11.- 19. September 1920
Erste Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft

Der Versailler Friedensvertrag trifft den Lebensnerv Kiels

Der verlorene Erste Weltkrieg und der damit verbundene Versailler Friedensvertrag bedeuteten für Deutschland eine erhebliche territoriale, militärische und wirtschaftliche Schwächung. Kiel als Reichskriegshafen und damit Stadt der Marine und der Werften wurde durch die wirtschaftlichen und militärischen Bestimmungen des Friedensvertrages in seinem Lebensnerv getroffen.

In der Marine durften nur noch 15.000 Berufssoldaten tätig sein. Das bedeutete für Kiel, dass viele Marineangehörige mit ihren Familien die Stadt verließen und damit die Einwohnerzahl sank. Außerdem wurden der Marine Zahl und Größe der Schiffe vorgeschrieben und U-Boote verboten. Das hatte Auswirkungen auf die Werften, die kaum noch mit Neubauten oder Reparaturen der Marine rechnen konnten. Die Folge war ein Rückgang der Beschäftigten im Schiffbau und seinen Zulieferbetrieben im Maschinenbau, in der Feinmechanik, Elektrotechnik und der Optik. Mit der sinkenden Einwohnerzahl und der zunehmenden Arbeitslosigkeit musste die Stadt mit geringeren Steuereinnahmen rechnen.

Kiel muss sich neu orientieren

Die Stadt war gezwungen, die bisher einseitig auf die Marine ausgerichtete Wirtschaft umzustellen und die Industrie vielfältiger zu gestalten. Sie plante außerdem, den Handelshafen und das Fremdenverkehrswesen auszubauen und Kiel zu einem Kulturzentrum zu entwickeln. In diesem Zusammenhang entstand die Idee, eine Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft zu veranstalten. Die geistige Anregung kam von Bernhard Harms, dem Leiter des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft. Das Grundkonzept der Herbstwoche formulierte der Arbeitsausschuss wie folgt: „Die Idee der Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft liegt auf dem Wege jener Bestrebungen, welche Kiel den Charakter der ’gewesenen Marinestadt’ nehmen sollen. Gewiß ist es richtig, daß die darauf gerichteten Maßnahmen vornehmlich wirtschaftlicher Natur sein müssen. Es wäre jedoch ein verhängnisvoller Irrtum, wenn die entscheidende Bedeutung, welche Pflege von Kunst und Wissenschaft gerade für unsere Stadt hat, verkannt würde. Dies gilt nicht nur vom Standpunkt der geistigen Kultur unseres Gemeinwesens, sondern erst recht unter dem Gesichtswinkel der Allgemeingeltung Kiels“.

Die Stadt sollte zeigen, dass sie ein Kulturzentrum und geistiger Mittelpunkt Schleswig-Holsteins war und sollte Besucher aus ganz Deutschland anziehen, wovon man sich wiederum wirtschaftlichen Nutzen versprach.

Die erste Kieler Herbstwoche

Die erste Kieler Herbstwoche fand vom 11. bis 19. September 1920 statt. Sie wurde im Hotel Bellevue durch den preußischen Kultusminister Hanisch eröffnet. Zu den Gästen gehörten Vertreter der Landes- und städtischen Behörden und der Universität, Künstler, Gelehrte, Handel- und Gewerbetreibende und Gäste aus Nordschleswig.

Die Besucher erwartete ein vielfältiges Programm. Gespielt wurden Opern von Franz Schreker und Richard Wagner, Schauspiele von Schiller, Hebbel, Hauptmann, Ibsen und Wildgans, daneben auch mehrere niederdeutsche Stücke. Konzerte boten Werke vor allem von Beethoven, aber auch von Bach, Mozart, List, Bruckner und Reger. In der Kunsthalle fanden Ausstellungen zum Schaffen der drei schleswig-holsteinischen Künstler Emil Nolde, Christian Rohlfs und Ernst Barlach statt. Vorträge behandelten historische, politische, juristische und pädagogische Themen. Beachtung fand der Vortrag von Albert Einstein über „Raum und Zeit im Licht der Relativitätstheorie“.

Die erste Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft wurde ein voller Erfolg. Das Programm war konventionell, bürgerlich, schreckte nicht durch avantgardistische Experimente ab und bekam Glanz durch Schauspieler, Sänger und Solisten aus Berlin, Dresden und München.

Kritik gab es lediglich von Erwerbslosen, von denen einige auf der Straße gegen die Herbstwoche demonstrierten, weil sie die gefüllten Schaufenster der Lebensmittel- und Bekleidungsgeschäfte „als eine Verhöhnung ihrer unverschuldet elenden Lage“ ansahen und sich in Anbetracht ihrer wirtschaftlichen Situation nicht an der Herbstwoche beteiligen konnten.

Die 2. Herbstwoche wird volkstümlicher

Harms aber urteilte, dass die Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft weite Beachtung und in mehr als 20 Städten Nachahmer gefunden habe, aber Kiel müsse „an der Spitze bleiben“.

In der zweiten Herbstwoche im September 1921 standen ähnlich wie im Vorjahr wieder Theateraufführungen, Konzerte und Vorträge auf dem Programm, aber die Veranstaltungen wurden volkstümlicher ausgerichtet. In einem Schreiben des Arbeitsausschusses der Herbstwoche heißt es dazu: „Die Kieler Woche muss volkstümlicher werden. Kultur darf weder die Angelegenheit einer Schicht oder Klasse noch an Vermögensbesitz gebunden sein. Ist sie es dennoch, so trägt sie die Keime des Verfalls bereits in sich. Deshalb hat der Arbeitsausschuss diesmal mit Vorbedacht den Veranstaltungen einen stark demokratischen Charakter gegeben. Die Woche beginnt mit einer Volksvorstellung, für welche die zu niedrigen Preise abgegebenen Eintrittskarten nicht öffentlich verkauft, sondern durch Bildungsorganisationen vertrieben werden sollen. Eröffnet wird die Herbstwoche auf dem Marktplatz. Zahlreiche andere Veranstaltungen sind vornehmlich volkstümlicher Art. Alles das aber genügt nicht. Wir müssen - wiederum als Vorbild für ganz Deutschland - derjenigen Volksgenossen gedenken, welche unter der gegenwärtigen Not am meisten leiden: der Unbemittelten und Minderbemittelten aller Kreise unserer Bevölkerung einschließlich der Erwerbslosen. Zum Zeichen dessen, daß wir ihre Sorgen mitfühlen und sie als beklagenswerte Opfer eines wirtschaftlichen Niedergangs nicht auch noch in ihrem kulturellen Innenleben verkümmern lassen wollen, sollen sie im Programm der Kieler Herbstwoche besonders bedacht werden“.

Eine Reihe künstlerischer, wissenschaftlicher und geselligen Veranstaltungen wurden teils unentgeltlich, teils zu niedrigen Preisen dargeboten. Ein Volks- und Kinderfest und sportliche Darbietungen unterstrichen den volkstümlichen Charakter der Herbstwoche. Diese erhielt außerdem eine besondere Bedeutung durch den Gedanken der Völkerverbindung, indem 300 Dozenten und Studenten aus Norwegen, Schweden und Finnland eingeladen wurden.

Herbstwochen in schwierigen Zeiten

Herbstwochen mit einem ähnlichen Programm fanden auch in den Jahren 1922 und 1923 statt. Aber der Erfolg der beiden ersten Jahre stellte sich nicht mehr ein. Die Besucherzahlen, auch von außerhalb, gingen zurück. Die Ursache dürfte in der schlechten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage zu suchen sein.

1923 gilt als das Krisenjahr der Weimarer Republik. Die Kieler Herbstwoche vom 7. bis 14. Oktober 1923 fand in einer äußerst kritischen Zeit statt. Der passive Widerstand gegen die Besetzung des Ruhrgebietes durch Franzosen und Belgier war wenige Tage vorher beendet worden. Separatistische Gruppen hatten Rathäuser der meisten großen Städte im Rheinland und in der Pfalz besetzt. Politische Tumulte erschütterten Sachsen und Thüringen. Dazu kam, dass sich die Inflation in Deutschland auf ihrem Höhepunkt befand. In der Kieler Presse hieß es daher: „Es gehört ein großer Glaube dazu, nicht die Hoffnungsfreudigkeit zu verlieren, mit der wir einst an die erste Kieler Herbstwoche herantraten.“

Wegen der großen finanziellen Schwierigkeiten fand 1924 die Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft nicht statt. Um aber an dieser kulturellen Veranstaltung festzuhalten, wurde sie 1925 wieder ausgerichtet, aber in verkleinertem Maßstab, indem man sich auf Theateraufführungen und wissenschaftliche Vorträge beschränkte. Das galt auch für die Jahre 1926 und 1927. Die Besucher gehörten vorwiegend den gehobenen Kreisen an.

1928 gab es dann keine Herbstwoche mehr. Die Ursache lag in der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Kiels. Seit 1925 hatte sich die Situation im Weltschiffbau dramatisch verschlechtert. Die Kieler Werften bekamen keine neuen Aufträge. Sie und ihre Zulieferbetriebe mussten Arbeiter entlassen, was wiederum Konsequenzen für Handel, Gewerbe, Handwerk und das Steueraufkommen der Stadt hatte. Sie konnte keine Zuschüsse mehr für die Herbstwochen gewähren. 1929 wurde eine „Nordische Woche“ veranstaltet, die die Verbindung nach Skandinavien herstellen sollte. Aber auch sie hatte keinen Erfolg.

Die Idee, der traditionellen Kieler Woche des Segelsports eine neue Kieler Woche mit demokratischem Konzept gegenüberzustellen, die sich von den Vorstellungen der Kaiserzeit unterschied, war gescheitert. Auch eine Verbindung beider Veranstaltungen war aus politischen und sozialen Gründen der damaligen Zeit nicht möglich, obwohl die Kieler Zeitung im September 1922 schrieb: „Die Zeit der Kieler Segelwoche, der Monat Juni, ist auch für die Kieler Woche für Kunst und Wissenschaft die gegebene“.

Die Idee der Herbstwoche als Bestandteil der neuen Kieler Woche

Die Forderung von 1922 wurde erst 1949 realisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Existenz Kiels wiederum gefährdet. Durch Zerstörung, Sperrung und Demontage der Werften auf dem Ostufer und anderer Rüstungsbetriebe verlor Kiel etwa 40.000 Arbeitsplätze. Oberbürgermeister Andreas Gayk machten den Kielern in dieser schweren Zeit Mut mit seinem Willen, die Stadt und ihre Wirtschaft wieder aufzubauen.

Um die Kieler von ihrem tristen Alltag abzulenken, um das In- und Ausland auf die Stadt aufmerksam zu machen, um zu zeigen, was bisher an Aufbauleistungen erreicht worden war und was es in Zukunft nach zu tun gab, wurde auf Gayks Initiative 1947 im September eine Herbstwoche unter dem Motto „Kiel im Aufbau“ veranstaltet. Bewusst knüpfte er dabei an die Tradition der Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft aus der Weimarer Republik an. Die Herbstwoche sollte den Rang einer Kieler Woche aber mit anderen Inhalten haben. Friede, Humanität und Völkerverständigung seien die neuen geistigen Werte. Es müsse nicht nur der Trümmerschutt beseitigt werden, sondern „auch in den Menschen selbst die Hinterlassenschaft der letzten zwölf Jahre“. Die geistige Erneuerung solle im Mittelpunkt stehen.

Die Herbstwoche vom 15. bis 20. September 1947 bot mit Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Vorträgen, Diskussionen, Kundgebungen, sportlichen und musikalischen Veranstaltungen Inhalte wie die Herbstwochen von 1920 bis 1927. 1948 wurde die Septemberwoche wiederholt. Aber schon vorher, im Juni, hatte der Kieler Yacht-Club erstmalig nach dem Krieg wieder Segelregatten ausgerichtet. Es gab also in diesem Jahr zwei Kieler Wochen, jedoch mit unterschiedlichen Wurzeln.

Zwischen dem Yacht-Club und der Stadt entbrannte ein Streit, wer die Kieler Wochen veranstalten dürfe. Nach heftigen Diskussionen einigte man sich und legte beide Unternehmungen zusammen. So gibt es seit 1949 eine gemeinsame Kieler Woche, in der einerseits das Segeln eine Rolle spielt, andererseits aber auch ein großes Kulturprogramm und ein Volksfest geboten werden.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Quellen

Akte Nr. 32892: Kieler Herbstwochen 1920-1927, Stadtarchiv Kiel

Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Kiel 1919-1924, S. 246-253; 1925-1927, S. 174-178

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Danker, Jörg

Die Kieler Woche im Wandel. Die Neugründung der Kieler Woche nach dem Zweiten Weltkrieg, Kiel 1990

Jensen, Jürgen

Die Kieler Woche, Deutschland und die Welt, in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 457-475

Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft,

1921 ff., hrsg. von der Stadt Kiel

Wulf, Peter

Die Stadt auf der Suche nach ihrer neuen Bestimmung ( 1918 bis 1933), in: Geschichte der Stadt Kiel, hrsg. von Jürgen Jensen und Peter Wulf, Neumünster 1991, S. 303-358



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 11.- 19. September 1920 | Erste Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft und des Erscheinungsdatums 11. September 2010 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=117

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