Kieler Erinnerungstag:

20. Februar 1914
Eröffnung des Instituts für Weltwirtschaft

Am 20. Februar 1914 fand die feierliche Eröffnung des „Königlichen Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel“ statt. An dem Festakt nahmen u. a. Prinz Heinrich v. Preußen mit seiner Frau Irene, Großadmiral von Koester und Vertreter des preußischen Kultusministeriums und der Universität teil. Ein Festbankett in der Seebadeanstalt Düsternbrook bildete den Abschluss der Feierlichkeiten.

Bernhard Harms - der Kampf für ein eigenes Institut

Die Keimzelle des heutigen Instituts für Weltwirtschaft bildete das „Staatswissenschaftliche Seminar“ an der Universität Kiel im Schlossgarten, gegründet durch Erlass des preußischen Kultusministeriums am 16. Oktober 1899.

Schon Professor Ludwig Bernhard, 1907/08 Lehrstuhlinhaber, hatte versucht, eine „Abteilung für volkswirtschaftliche Fragen des Seewesens“ am Staatswissenschaftlichen Seminar einzurichten. Er blieb aber in seinen Bemühungen gegenüber dem preußischen Kultusministerium erfolglos.

1908 wurde Bernhard Harms sein Nachfolger. Harms war von Beruf Buchbinder gewesen und hatte dann durch Fortbildung das Studium der Staatswissenschaft in Leipzig aufgenommen, später in Tübingen fortgesetzt. 1901 schloss er es mit der Promotion ab. 1903 wurde er Privatdozent an der Universität Tübingen und nahm 1906 das sozialpolitische Extraordinariat an der Universität Jena an. Von dort erhielt er 1908 den Ruf nach Kiel.

Hatte Harms sich vorher vor allem mit wirtschaftshistorischen und sozialpolitischen Fragen beschäftigt, interessierten ihn nun vor allem weltwirtschaftliche Probleme. Aus diesem Grund setzte er die Bemühungen von Professor Bernhard fort, eine Abteilung für Seeverkehr und Weltwirtschaft am Staatswissenschaftlichen Seminar aufzubauen. Im Dezember 1910 erreichte er, dass sich das Seminar nun Institut nennen durfte; 1911 erhielt es eine Abteilung für Seeverkehr und Weltwirtschaft. Bei der Eröffnungsfeier äußerte sich Harms über die Aufgaben der neuen Abteilung: „Mit ihr wird an deutschen Hochschulen zum ersten Male die Weltwirtschaft in den Mittelpunkt systematischer Studien gestellt und die Aufgabe in Angriff genommen, die Volkswirtschaftslehre zur Weltwirtschaftslehre fortzubilden. [...] Wir wollen das internationale Wirtschaftsleben beobachten, seine Bedingungen und Lebensäußerungen sowohl erforschen wie lehren.“

Harms aber hielt an seiner Absicht fest, ein selbständiges Institut aufzubauen. Nur das könne die vielfältigen Aufgaben und die Bearbeitung der umfangreichen Materialien u. a. aus Büchern, Zeitschriften, Börsen- und Kursberichten, Gesetzen, Verordnungen und Fotografien bewältigen.

Da die staatlichen Mittel nicht ausreichen würden, bemühte sich Harms um private Geldgeber. Der Erfolg aber war gering, so dass er sich 1911 und 1913 erneut mit Denkschriften an das Ministerium wandte, in denen er die Gründe eines selbständigen Instituts für Weltwirtschaft darlegte und wünschte, dass es „aus Anlass der 25jährigen Wiederkehr des Tages der Thronbesteigung Sr. Majestät Kaiser Wilhelm II. ins Leben gerufen und dies in der Errichtunsurkunde zum Ausdruck gebracht werden“ sollte. Außerdem seien die Räume am Lorentzendamm zu klein. Das Haus am Schlossgarten 14 solle gekauft werden und der Staat dessen Umbau übernehmen.

Das Ministerium schloss sich den Argumenten von Harms nicht an, lehnte ein Institut grundsätzlich ab, denn andere Stellen könnten die beschriebenen Aufgaben übernehmen. Aber Harms ließ nicht locker. Er versuchte die Einwände zu widerlegen. Es sei ein Unterschied, ob ein Institut nur Material sammele oder dieses bearbeite und für die Praxis wertvolle Ergebnisse bereitstelle. Das Ministerium ließ sich mit diesen Argumenten umstimmen. Noch bevor die offizielle Genehmigung für ein selbständiges Institut eintraf, kaufte Harms das Haus im Schlossgarten und ließ es umbauen, wobei er sich auf private Spenden stützte, vor allem durch den Kieler Kaufmann und Reeder Heinrich Diederichsen und den Leipziger Verleger Bernhard Meyer.

Am 18. Februar 1914 traf die ministerielle Genehmigung zur Errichtung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft ein. Am 20. Februar wurde es feierlich eröffnet. Bernhard Harms war der erste Direktor. In seiner Festrede betonte er: „Das Institut soll in erster Linie die Gesamtlebensäußerungen der Weltwirtschaft dauernd beobachten, d. h. es soll Tatsachen ermitteln und Tatsachenverbindungen herstellen“. Es solle Forschungs- und Lehrinstitut sein.

Gesellschaft zur Förderung des Instituts

Ohne die private Hilfsbereitschaft hätte Harms sein Ziel nicht erreicht. Schon im Dezember 1913 war die Gründung der „Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel e. V.“ erfolgt. Gründungsmitglieder waren der Kaufmann und Reeder Diederichsen, der Eisenhändler und Handelskammerpräsident Andersen, der Spirituosenfabrikant Lehment, der Margarinefabrikant Seibel, der Bankier Dr. Ahlmann, die Universitätsprofessoren Harries und Harms. Diederichsen war bis 1934 der erste Präsident der Gesellschaft.

Das Haus im Schlossgarten wurde im Laufe der Zeit für die Bedürfnisse des Instituts zu klein. Harms plante ein „Idealinstitut“, das er mit Hilfe der Gesellschaft verwirklichen wollte. Das Grundstück am Niemannsweg stellte Diederichsen zur Verfügung. Durch weitere Spenden der Gesellschaft konnte am 9. Februar 1918 der Grundstein für das neue Haus gelegt werden. Aber nach dem verlorenen Krieg und der Revolution 1918 war es unmöglich geworden, den gewaltigen Bau des neuen Instituts fortzuführen. Diedrichsen wandte sich an die Familie Krupp, ob sie die „Kruppsche Seebadeanstalt“, bestehend aus dem Kruppschen Logierhaus und dem Kaiserlichen Yacht-Club, dem Institut für Weltwirtschaft zur Verfügung stellen würde. Für den günstigen Preis von 1,25 Mio Mark überließ Krupp im Januar 1919 die Anlage der Fördergesellschaft. Die Umbauten begannen im gleichen Jahr. Zum Sommersemester 1920 war das Gebäude des Instituts für Weltwirtschaft am Hindenburgufer bezugsfertig.

Nicht zu allen Zeiten unabhängige Forschungsarbeit

Das schon 1914 als selbständige Abteilung eingerichtete Wirtschaftsarchiv wurde nach dem ersten Weltkrieg systematisch ausgebaut, ebenso die umfangreiche Bibliothek. Das Institut gab mehre Zeitschriften heraus. Es erwarb sich mit seinen Untersuchungen zur Weltwirtschaft und Konjunkturforschung über Schleswig-Holstein hinaus einen guten Ruf. „Es wuchs sich seit der Mitte der 20er Jahre zu einem maßgeblichen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitut in Deutschland aus“ (Glaeßer, in: Kiel, die Deutschen und die See, S. 166). 1933 musste Harms das Institut verlassen, weil er sich weigerte, jüdische Mitarbeiter zu entlassen. Nach Übergriffen der SA auf das Institut bat Harms im Juni 1933 um sein Ausscheiden. Er zog nach Berlin, wo er bis zu seinem Tod 1939 eine Honorarprofessur innehatte. Nachfolger von Harms war 1933/34 Jens Jensen. In seine Amtszeit fällt der neue Name des Instituts, das seit 1934 nur noch „Institut für Weltwirtschaft“ (IfW) heißt. Auch Jensen bekam Probleme mit den Nationalsozialisten. Er wurde nach Marburg versetzt. Sein Nachfolger wurde Andreas Predöhl.

Über die Arbeit des IfW während der Zeit des Nationalsozialist liegt wenig Material vor. In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Instituts kommt Zottmann zu dem Urteil, dass sich „Predöhl in der Zeit des Dritten Reichs wesentliche Verdienste um die Erhaltung und Wahrung des Instituts im Geiste des Gründers erworben“ habe (Zottmann, S. 55). Professor Fritz Baade, Institutsdirektor von 1948 bis 1961, betonte in einer Ansprache 1951: „In dem Institut [...] haben die Werke der jüdischen Autoren die ganze Zeit des nationalsozialistischen Regimes auf den Regalen gestanden, jedem Studenten zugänglich“. Und er fuhr fort: „ Es gelang bis tief in die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges hinein, die gesamte wissenschaftliche und wirtschaftliche Auslandliteratur für das Institut weiter zu sichern“ (Zottmann. S. 54).

Diese Darstellung ist einseitig. Denn wie viele Fakultäten der Universität stellte sich auch das IfW in der Dienst der nationalsozialistischen Politik. Es erarbeitete über 2000 geheime Gutachten für die Wehrmacht, für Ministerien, Unternehmen und Banken. Außerdem wurden Expertisen angefertigt, „die den aktuellen nationalsozialistischen Expansionsplänen dienten“(Petersen, S. 71). Einige Beispiele seien genannt: „Die Struktur der sudetendeutschen Wirtschaft (Mit Berücksichtigung einiger Eingliederungsprobleme“, „Die Lebensfähigkeit der Rest-Tschechoslowakei und die Protektoratslösung“, „Über die Möglichkeit der Berechnung des russischen Menschenpotentials“. Hans-Christian Petersen kommt in seiner Untersuchung daher zu folgendem abschließenden Urteil: Die Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft ist „in den Jahren 1933 bis 1945 ein markantes Beispiel für das Versagen der Wissenschaft in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. „Den Wissenschaftlern ist es nicht gelungen, Maßstäbe zu entwickeln, die sie daran hätten hindern können, in einem verbrecherischen Regime ihren Beitrag zum Funktionieren des Systems zu leisten. Eine Aufarbeitung dieser Geschichte des Wirtschaftsinstitutes, als das, was es war, nämlich ein Teil des Nationalsozialismus, steht nach wie vor aus“ (Petersen, S. 79).

Eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands

Während des Krieges wurden große Teile der Bibliothek in den Ratzeburger Dom, das Wirtschaftsarchiv nach Segeberg ausgelagert. Der Aufbau des schwer bombengeschädigten Hauptgebäudes begann 1948. 1951 wurde der Wiederaufbau feierlich begangen, ebenso der Neubau der Bibliothek am Hindenburgufer 1971. Lediglich der Nordflügel mit dem Eckturm erinnert heute noch an den Baustil des Kruppschen Logierhauses.

In der Weltwirtschaftsforschung ist das IfW heute wieder führend im In- und Ausland. Es gehörte langjährig zu den fünf „Wirtschaftsweisen“ in Deutschland. Nach der jährlichen Studie der Univerversity of Pennsylvania rangiert das Kieler Institut unter den Denkfabriken für Fragen internationaler Wirtschaftspolitik auf Rang sechs in der Welt und ist damit die einzige dieser Art in Deutschland.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Glaeßer, Hans-Georg

Das Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft. Von den Anfängen eines Kieler Forschungsinstituts, in: J. Elvert, J. Jensen, M. Salewski (Hg.): Kiel, die Deutschen und die See, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 25, Stuttgart 1992, S. 155-168

Glaeßer, Hans-Georg

Harms, Christian, Bernhard Cornelius, in: Hans-F. Rothert (Hg): Kieler Lebensläufe aus sechs Jahrhunderten, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 55, Neumünster 2006, S. 123-126

Harms, Bernhard

Das neue Haus des Instituts für Weltwirtschaft und Seeverkehr . Wirtschaftswissenschaftliche Forschungs- und Lehranstalt an der Universität Kiel, Jena 1920

Omland, Frank

Institut für Weltwirtschaft, in: Doris Tillmann, Johannes Rosenplänter (Hg.): Kiel Lexikon, Neumünster 2011, S. 158

Petersen, Hans-Christian

Expertisen für die Praxis. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft 1933-1945, in: Christoph Cornelißen, Carsten Mish (Hg.): Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus, Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 86, Essen 2009, S. 57-79

Zottmann, Anton

Die Entwicklung des Instituts für Weltwirtschaft von der Gründung bis zur Gegenwart, in: Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 1914-1964, Kiel 1964, S. 1-66

Zeitungen

Kieler Nachrichten

vom 18. Februar 1964, vom 20. Februar 1989, vom 24. Januar 1998, vom 12. Februar 2004, vom 1. Februar 2011

Kieler Neueste Nachrichten

vom 9. Februar 1918, vom 10. Februar 1918

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 13. Februar 1964

Abb: Stadtarchiv Kiel; Porträt Bernhard Harms: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: 20. Februar 1914 | Eröffnung des Instituts für Weltwirtschaft und des Erscheinungsdatums 20. Februar 2014 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=271

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