Veranstaltung am 29. Oktober 2018

Volles Haus zum Thema „Nachhaltiges Kiel“

Die Frage, wie eine zukunftsfähige und enkelgerechte Entwicklung unserer Stadt aussehen kann, bewegt viele Kieler*innen. Kein Platz war mehr unbesetzt im Ratssaal: Etwa 160 Interessierte aus der Zivilgesellschaft, aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung folgten am 29. Oktober 2018 der Einladung zur Veranstaltung „Kiel auf dem Weg zur nachhaltigen Stadt“.

Stadtpräsident Hans-Werner Tovar eröffnete den Abend mit einer Rede, in der er die Agenda 2030 und die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen vorstellte: „Es geht dabei um ein Leben in Würde, Gerechtigkeit und Frieden, um soziale Sicherheit und um wirtschaftliche Möglichkeiten bei gleichzeitigem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Die Weltgemeinschaft ist sich einig: Wir können unsere bisherigen Konsum- und Produktionsweisen, unseren destruktiven Umgang mit den Ozeanen, Böden und Wäldern, und die tiefer werdende soziale Spaltung sowohl innerhalb von Ländern als auch zwischen reichen und armen Ländern so nicht weiter hinnehmen.“

Der Stadtpräsident gab zu, dass er das Thema zunächst etwas sperrig und abstrakt fand. „Aber inzwischen bin ich davon überzeugt, dass dieses globale Nachhaltigkeitsprogramm gerade auch für Städte ein wichtiger Referenzrahmen ist.“

Tovar hob hervor, was Kiel bereits alles erreicht habe. Dazu zähle unter anderem ein langjähriges Engagement im Klimaschutz, die Auszeichnung als FairTrade Stadt, der von der Ratsversammlung gestiftete Nachhaltigkeitspreis, Auszeichnungen im Bereich Energieeffizienz, zahlreiche Beratungsangebote der Stadt im Gesundheits- und Bildungsbereich oder auch der umfangreiche und transparente Sozialbericht.

Präsident des Deutschen Städtetages als Hauptredner

Markus Lewe
Markus Lewe, OB der Stadt Münster Foto: Bodo Quante

Markus Lewe, Oberbürgermeister der Stadt Münster und Präsident des Deutschen Städtetages, hatte extra die vielen Stunden Zugfahrt auf sich genommen, um im Kieler Rathaus die Key-Note Speech an diesem Abend zu halten.

In seiner vitalen Rede benannte er vier Grundmängel heutiger Großstädte: „Es fehlt an sauberer Luft, es fehlt an Raum, es fehlt an Zeit und es fehlt an Geld“.

In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte der Oberbürgermeister (OB) aus Münster die zentrale Frage: „Wem gehört die Stadt? Wem gehören die öffentlichen Plätze und Räume? Die Antwort ist klar: sie gehören allen Bürgerinnen und Bürgern. Den reichen und den armen, denen die in Deutschland geboren sind und denen, die von ganz woanders herkommen und jetzt bei uns ein neues Zuhause gefunden haben.“ 

Städte für Menschen und nicht für Autos

OB Lewe plädierte dafür, den öffentlichen Raum dafür zu nutzen, menschliche Begegnungen zu fördern. Um die knappe Ressource „Raum“ den Menschen - und nicht Blechkisten - zur Verfügung zu stellen, brauche es dringend vernünftige Angebote für alternative Verkehrssysteme.

Tatsächlich liegt der Fahrradanteil beim Verkehr in Münster bereits bei 40 Prozent, in Kiel sind es laut des Masterplans Mobilität zurzeit nur 18 Prozent. Es ist das Ziel der Landeshauptstadt, den Anteil an Fahrradfahrer*innen innerhalb der nächsten Jahre deutlich zu steigern. 

Münsteraner Modell fördert sozialen Wohnraum

Bei dem - in Kiel ebenfalls heiß diskutierten - Thema Wohnraum hat Münster seit 2014 ein Modell etabliert, dass den sozialen Wohnungsbau konsequent fördert: die sogenannte „sozialgerechte Bodennutzung“ sieht mit 60 Prozent der Nettowohnfläche einen hohen, geförderten Mietraum für städtische Grundstücke vor.

Bei privaten Baulandentwicklungen müssen 30 Prozent der Nettowohnfläche als geförderter Wohnraum ausgezeichnet werden können. „Gleichzeitig achten wir aber auch darauf, dass eine hohe städtebauliche Qualität gewährleistet wird“, sagte der Oberbürgermeister der Stadt Münster. 

Oberbürgermeister-Talk benennt auch Zielkonflikte

OB-Talk
OB Dr. Kämpfer und OB Lewe im Gespräch mit Moderatorin Dr. Anke Butscher - Foto: Bodo Quante

Im anschließenden OB-Talk stellte der Kieler Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer klar: „Nachhaltigkeit ist mehr als ein bisschen fairen Kaffee im Rathaus auszuschenken.“ Einen großen Schritt für Kiel sieht Kämpfer in dem neuen Gasmotoren-Kraftwerk K.I.E.L., das 2019 in Betrieb genommen und das alte Kohlekraftwerk ablösen wird.

Der Kieler OB verwies auch auf den zentralen Zielkonflikt in der Diskussion um mehr Nachhaltigkeit, der nicht einfach aus dem Weg zu räumen sei: Mehr Wohlstand führe automatisch zu mehr Flächenverbrauch, zu mehr Konsum und damit auch zu einer intensiveren Nutzung der begrenzten ökologischen Ressourcen. Dem kann man allein mit einem bewussten Konsumverhalten als Einzelner nicht entgegentreten, sondern zusätzlich brauche es hierfür Gesetze, die ein nachhaltigeres Handeln aller Akteur*innen erzwingen.

Der Münsteraner OB plädierte dafür, verstärkt den Dialog mit der Bürgerschaft zu suchen: „Autos kann man nicht einfach verbannen, aber man kann darüber ins Gespräch kommen. Denn es geht um die Gesundheit unser Bürger*innen und letztlich um ein großes Mehr an Lebensqualität.“

Lebhafter zweiter Teil

Ratssaal
Der Ratssaal war voll besetzt - Foto: Bodo Quante

Im zweiten Teil der Veranstaltung präsentierte zunächst die Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik der Landeshauptstadt Kiel, Frauke Wiprich, die neue Website „Für Kiel und die Welt. Global denken. Lokal durchstarten“.

Die Website zeigt auf, was Kiel bereits für jedes einzelne nachhaltige Entwicklungsziel tut. Darüber hinaus proträtiert sie jeden Monat Kieler Nachhaltigkeitspionier*innen.

Anschließend befragte die Moderatorin Dr. Anke Butscher in vier kurzen Gesprächsrunden unterschiedlichste Akteur*innen aus der Stadtverwaltung, der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft zu den drei Dimensionen von nachhaltiger Entwicklung.

Soziale Dimension von Nachhaltigkeit

Für die soziale Dimension von Nachhaltigkeit benannte Xenia Zentner aus dem Sozialdezernat Kinderarmut, Langzeitarbeitslosigkeit und die wachsende Anzahl Wohnungsloser als zentrale soziale Herausforderungen für Kiel.

Parinaz Mehranfar vom Zentrum für Empowerment und Interkulturelle Kreativität (ZEIK) hob hervor, dass Projekte von Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund für andere Menschen, die neu in Kiel und Deutschland sind, einen sehr wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Denn diese Projekte helfen den Menschen dabei, an der Gesellschaft teilzuhaben. Oft fehlt allerdings die langfristige, finanzielle Sicherheit für diese Projekte, hier sei Unterstützung von Seiten der Stadt sehr erwünscht. 

Ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit

Professor Dr. Christoph Corves berichtete wie die Kiel School of Sustainability und der Ideenwettbewerb Yooweedoo dazu beitragen, dass kreative und engagierte Menschen ihre spannenden Ideen für nachhaltige Projekte, Initiativen oder Unternehmen ganz konkret umsetzen.

Auch das Social Business Goldeimer, das Geschäftsführer Malte Schremmer vorstellte, ist aus einem Studienprojekt an der Kiel School of Sustainability hervorgegangen. Goldeimer betreibt Komposttoiletten auf Open Air Events, verkauft recyceltes Toilettenpapier und setzt sich gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe und Viva con Agua für das nachhaltige Entwicklungsziel 6 ein: den Zugang zu sanitären Anlagen für alle Menschen auf der Welt schaffen. 

Ökologische Dimension von Nachhaltigkeit

Zwei Umweltthemen sind in der Landeshauptstadt ganz zentral: Klima- und Meeresschutz. Meike Gäthje vom Umweltschutzamt stellte den aktuellen Masterplan 100% Klimaschutz vor. Danach soll Kiel bis zum Jahr 2050 CO2 neutral sein und der Endenergieverbrauch soll um die Hälfte - im Vergleich zu 1990 - gesenkt sein.

Professorin Dr. Ulrike Kronfeld-Goharani vom Exzellenzcluster Future Ocean, an dem mehrere wissenschaftliche Institute Kiels beteiligt sind, hob hervor, dass Kieler Wissenschaftler*innen mit dazu beigetragen haben, dass das nachhaltige Entwicklungsziel 14 zum Thema Meeressschutz und nachhaltige Nutzung maritimer Ressourcen in die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit aufgenommen wurde. 

Partnerschaften zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele

Die Agenda 2030 wird im Englischen häufig mit den fünf „Ps“ veranschaulicht: People, Planet, Peace, Prosperity und Partnership. In der letzten Gesprächsrunde des Abends ging es um das letzte P, also die Partnerschaften, die zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele notwendig sind.

So berichtete Martina Hansen, Leiterin des Bereichs Internationale Beziehungen bei der Landeshauptstadt Kiel, dass innerhalb der Städtepartnerschaften neben dem kulturellen Austausch zunehmend auch nachhaltige Themen wie Klimaschutz und Abfallvermeidung eine wichtige Rolle spielen. Ganz aktuell beispielsweise in der Zusammenarbeit Kiels mit San Francisco und Moshi Rural in Tansania.

Last but not least stellte Katrin Kolbe, stellvertretende Geschäftsführerin des Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein, die wichtige Rolle der Zivilgesellschaft heraus. Aufgabe zivilgesellschaftlicher Organisationen sei es, der Politik - insbesondere der Landesregierung - auf die Finger zu schauen und transparent zu machen, wenn bestimmte Politiken wie beispielsweise das geplante, neue Tariftreue- und Vergabegesetz des Landes Schleswig-Holstein einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen.

Nach zwei sehr intensiven Stunden ließen die Teilnehmenden anschließend beim vegetarischen Fingerfood von Marcel Lungerhausens „meeting and eating“ den Abend ausklingen. 


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Frauke Wiprich
Leiterin des Sachbereichs Internationales und Nachhaltigkeit

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