Kieler Erinnerungstag:

August 1923
Leben in Kiel während der Inflation

In Deutschland wuchs die Inflation seit Mai 1923 immer rascher und erreichte im August 1923 einen ersten Höhepunkt. Fast täglich wurden in den Kieler Zeitungen die unaufhörlichen Preissteigerungen bekannt gegeben.

Am 1. August 1923 betrugen die Ausgaben für den vierwöchigen Bedarf einer fünfköpfigen Familie für Nahrung, Wohnung und Kleidung 9.923.859 Mark. Zur Vorwoche ergab das eine Preissteigerung von 118,4%. Vom 8. bis 15. August stieg die Prozentzahl um 117,1%, vom 15. bis 23. August „nur“ um 68,2%, vom 22. bis 29. August jedoch um 71,8%. Hatte eine fünfköpfige Familie am 1. August für das tägliche Leben 9.923.859 Mark ausgeben müssen, so waren es Ende des Monats schon 121.724.259 Mark.

Ein Hering für 24.000 Mark

Am 11. August kosteten in Kiel 1 Liter Vollmilch 8000 Mark, 1 Pfund Butter 720.000 Mark, 1 Pfund Kaffee 663.000 Mark, 1 Pfund Schweinefleisch 130-160.000 Mark, 1 Hering 24.000 Mark. Auf dem Kieler Wochenmarkt verlangten die Händler jeweils für 1 Pfund Kartoffeln 30.000 Mark, für Weißkohl 50-70.000 Mark, für Äpfel 150-200.000 Mark, für ein Bund Möhren 25-40.000 Mark. Am 6. August kostete die billigste Zigarette aus Edeltabak 5000 Mark. Angekündigt wurde, dass in den nächsten Tagen eine Zigarette kaum unter 10.000 Mark zu haben sei. Für einen Herrenanzug musste man Ende des Monats 28-45 Millionen Mark ausgeben. Wer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war, zahlte Anfang August für eine Straßenbahnkarte ohne Umsteigen 6000 Mark, für eine Dampferfahrkarte nach Friedrichsort 14.000 Mark, für eine Bahnfahrt nach Neumünster 16.000 Mark, nach Hamburg 55.000 Mark.

Kieler Bevölkerung in Not

Trotz der hohen Preise waren die Lebensmittel knapp. In Kiel wurden Anfang August auf dem Wochenmarkt kaum Kartoffeln angeboten. Die wenigen Händler, die welche verkauften, wurden von den Hausfrauen dermaßen belagert, dass die Polizei einschreiten musste. Diese Engpässe gab es bei fast allen Grundnahrungsmitteln. Die Ursache war darin zu suchen, dass die Händler ihre Waren zurückhielten, weil sie nicht wussten, zu welchem Preis sie neue beschaffen konnten.

Vielen Menschen war es auch gar nicht möglich, die vorhandenen teuren Lebensmittel zu bezahlen, weil sie eine kleine Rente hatten, über keine Ersparnisse verfügten oder nichts zu verkaufen hatten. So war in der Kieler Zeitung vom 2. August zu lesen, dass ein altes Mütterchen auf den Steintreppen zu einem Hauseingang saß, zwar nicht bettelte, aber ab und zu mit dem Kopf andeutete, dass sie um eine Spende bitte. Der Journalist rief am Ende seines Artikels die Kieler zu Mitgefühl auf: „Wer es kann, nehme solche alte Dame unter den Arm und kaufe ihr beim nächsten Kaufmann ein paar Pfund Lebensmittel oder beim Grünwarenhändler etwas Gemüse und Kartoffeln, damit sie auch einmal ein warmes Mittagessen sieht. Wer dazu nicht in der Lage ist, spende wenigstens einen Tausender oder rauche dafür eine Zigarette weniger! Denkt an Eure eigene Mutter und schützt auch unsere Alten vor dem Hunger!“

Proteste unter den Arbeitern

Unter den Werftarbeitern verursachte die rasante Preissteigerung Unruhe. Obwohl ihre Löhne auch stiegen, war die Preisentwicklung noch schneller. Bekamen die Arbeiter ihren Wochenlohn ausgezahlt, konnten sie sich Anfang August dafür gerade 3 Pfund Margarine oder 2 Pfund Schmalz kaufen, vorausgesetzt Lebensmittel waren überhaut in den Geschäften vorhanden. In dieser Situation machte sich Resignation breit. Warum sollen wir schwer arbeiten, wenn wir von dem Lohn nicht leben können?

Am 8. August legten 3000 Arbeiter der Holwaldtswerke ihre Arbeit nieder und zogen in die Stadt. Arbeiter der Deutschen Werke und der Germaniawerft schlossen sich ihnen an. Am Schlossgarten traf der Zug auf ein stärkeres Aufgebot der Schutzpolizei, die erreichte, dass sich der Zug auflöste. Die Teilnehmer begaben sich daraufhin auf verschiedenen Wegen zum Gewerkschaftshaus. Dort ließen die Arbeiter ihrem Unmut freien Lauf. Sie verlangten „Schutz gegen den Wucher“ (Kieler Zeitung vom 9. 8. 1923), Anpassung der Löhne an die Teuerungsverhältnisse und eine Einmalzahlung von 3 Millionen Mark. Die Gewerkschaftsführer wurden aufgerufen, sich für diese Ziele einzusetzen.

Finanzpolitik mit der Notenpresse: Ursachen der Inflation

Die Inflation hatte bereits im Ersten Weltkrieg begonnen, den die Regierung durch verzinste Anleihen bei der Bevölkerung und durch eine enorme Papiergeldvermehrung (2 Milliarden Mark 1913 und 45 Milliarden Mark 1919) finanzierte. Da die Güterproduktion nicht im gleichen Umfang zunahm, bedeutete dies Geldentwertung. So kostete der Dollar im Juli 1914 4,2 Mark, im Juli 1919 schon 14 Mark.

Die inflationäre Entwicklung des Geldes setzte sich auch nach dem Krieg fort durch die Umstellung auf Friedenswirtschaft, die Demobilisierungsmaßnahmen, die Unterstützung der Kriegsgeschädigten und Hinterbliebenen und die Reparationszahlungen. Das Haushaltsdefizit wurde durch weitere Erhöhungen der Geldmenge ausgeglichen.

Das Jahr 1923 brachte Deutschland eine galoppierende Inflation. Da das Reich in seinen Reparationslieferungen bei Holz und Kohle im geringfügigen Rückstand war, fand Frankreich im Januar 1923 einen Vorwand, mit eigenen und belgischen Soldaten das Ruhrgebiet zu besetzen, um die Stahl- und Kohleproduktion zu kontrollieren. Die Bevölkerung des Ruhrgebietes antwortete mit passivem Widerstand. Die Regierung unterstütze die Menschen mit Geld und Lebensmitteln. Im September kostete das Reich der Ruhrkampf täglich 40 Millionen Goldmark. Die Notenpresse musste das Defizit im Haushalt ausgleichen. Die Kaufkraft der deutschen Währung sank ins Bodenlose. Die Reichbank gab Banknoten mit immer höherem Nennwert heraus. Im Juni 1923 gab es schon Geldscheine zu jeweils 50 Millionen Mark. Da die Reichsdruckerei trotz Unterstützung durch Privatfirmen den Bedarf an Zahlungsmittel nicht decken konnte, war es Gemeinden und Städten gestattet, Notgeld zu drucken. Die Stadt Kiel, Kieler Banken und die großen Industriebetriebe der Stadt beteiligten sich daran. Auch Gutscheine wurden ausgegeben, z. B. durch die Kieler Spar- und Leihkasse am 11. August im Wert von 1 Millionen Mark.

Die Hyperinflation und ihre Folgen

Am 11. Oktober 1923 berichtete die Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung: „Um 100 Prozent steigen die Preise an einem Tage - die Löhne erhöhen sich wöchentlich und kriechen im Schneckentempo hintendrein. Ist es nicht zum Lachen, mit welchen Pfennigen die Männer nach Hause kommen? Es langt ja kaum für die Gasrechnung. Und die Kinder? Sie müssen hungern. Forderte nicht ein Händler auf dem Wochenmarkt 8 Millionen für ein Pfund Kartoffeln? Und dann sagte er den Frauen frei ins Gesicht, das wäre noch zu billig; 10-15 Millionen müsste er rechtmäßig fordern. Fordert nur immer zu. Ihr werdet schon sehen, wie lange es gut geht. ... Den Frauen kommen die Tränen. Sie kramen ihre letzten Papierlappen zusammen und kaufen irgendetwas. Nur, dass sie das Geld loswerden. Es wird ja immer weniger wert. Und dann gehen sie verzweifelt nach Hause und wissen nicht, was beginnen.“

Ende des Monats gab es schwere Unruhen in Kiel. Kleinere Gruppen von Jugendlichen zogen durch die Stadt, überfielen Polizeibeamte und plünderten in allen Stadtteilen Lebensmittelgeschäfte, Schlachtereien und Bäckerläden. Die Polizei musste einschreiten. Es gab mehrere Verletzte und auch Tote. Um Bedürftigen, die sich die teuren Lebensmittel nicht leisten konnten, täglich eine warme Mahlzeit zu ermöglichen, rief der Dezernent der Kieler Wohlfahrtspflege im Oktober zu einer „freiwilligen Volksspeisungsabgabe“ auf.

Viele verloren während dieser Zeit auch ihren Arbeitsplatz. Die Preissteigerungen führten zu einem Rückgang im produzierenden Gewerbe und in den Gaststätten, denn die Nachfrage war sehr gering. Entlassungen waren die Folge. Ende Oktober 1923 gab es fast 8000 Arbeitslose in Kiel, obwohl die Stadt versuchte dem entgegen zu wirken. Sie ließ Notstandsarbeiten, umfangreiche Hafen- und Bahnbauten, den Bau einer Müllverwertungsanlage, einer Hochseefischhalle durchführen und mehrere Siedlungen fertig stellen.

Leidtragend waren auch die Besitzer von Sparguthaben und diejenigen, die Geldforderungen hatten, Handwerker, Kaufleute, Beamte. Ihr Erspartes besaß keinen Wert mehr. Besitzer von Sachwerten wurden durch die Inflation kaum getroffen. Wer Schulden hatte, stieß diese in der Zeit des Geldverfalls ab. Auch die Stadt Kiel tilgte ihre Schulden, verlor auf der anderen Seite aber Erspartes.

Im November 1923 führte die Reichregierung eine neue Währung ein, die Rentenmark, die durch Grundschulden der Landwirtschaft und Schuldverschreibungen von Industrieunternehmen gedeckt war. Die Bevölkerung fasste zu dem neuen Zahlungsmittel Vertrauen. Die Wirtschaft erholte sich, die „goldenen Zwanziger“ begannen.

Autorin: Christa Geckeler (1937 - 2004)


Literatur

Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten

der Stadt Kiel in der Zeit vom 1. Januar 1919 bis 31. Dezember 1924, Kiel 1926, S. 34 f.

Geckeler, Christa (Hg.)

Erinnerungen an Kiel zwischen den Weltkriegen 1918/1939, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 58, Husum 2007, S. 105-114

Henning, Friedrich-Wilhelm

Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 3: Das industrialisierte Deutschland 1914 bis 1972, S. 63-76

Stahmer-Wusterbarth, Sabine

Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Kiel während der Weimarer Republik unter besonderer Berücksichtigung der Maßnahmen der Kieler Stadtverwaltung, Dissertation, Kiel 1996, S. 212-220

Zeitungen

Kieler Zeitung

vom 31. Juli 1923, vom 1., 2., 4., 8., 10., 11., 19. und 23. August 1923

Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung

vom 2., 3., 5., 6., 8., 10., 11., 17., 20., 24., 25., 26., 28., 30., 31. August 1923, vom 11., 25., Oktober 1923



Dieser Artikel kann unter Angabe des Namens der Autorin Christa Geckeler, des Titels Kieler Erinnerungstage: August 1923 | Leben in Kiel während der Inflation und des Erscheinungsdatums 01. August 2013 zitiert werden.

Zitierlink: https://www.kiel.de/erinnerungstage?id=241

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